Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur

Nach über 40 Romanen aus der „Scheibenwelt“ erfindet Pratchett nun eine neue Welt und beglückt uns mit einem ebenso spannenden wie klugen wie amüsanten Jugendbuch. Ein Jugendbuch, das eine moderne Robinsonade entwirft, Anleihen bei maritimen Klassikern aus Literatur und Film nimmt – von der „Schatzinsel“ bis zum „Fluch der Karibik“ – und nichts weniger als das Abenteuer (zumindest) der Saison bietet.

„Eine Insel“ spielt irgendwo im pelagischen Ozean, irgendwann in einer leicht schrägen Variation des 19. Jahrhunderts und inszeniert die Begegnung zweier Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Da ist der „edle Wilde“ Mau, ein 13-jähriger Junge, der mit Geisterglaube und magischem Denken aufwächst und gemäß der Mythologie seines Volkes nach seinem Tod in einen Delfin verwandelt werden wird. Und da ist Daphne, Nummer 138 in der Thronfolge des britischen Empires und eine streng viktorianisch erzogene junge Dame, die unter dem „Fluch guter Manieren“ leidet und mindestens vier Unterröcke trägt. Ausgerechnet sie verschlägt es per Schiffbruch auf die Insel, wo sie auf einen von allen Menschen und Göttern verlassenen Mau trifft. Denn kurz zuvor hat ein Tsunami sein ganzes Volk vernichtet.
Gemeinsam machen sie sich an den Aufbau einer neuen Welt, stellen Althergebrachtes ihrer jeweiligen Kultur in Frage, lernen Neues und brechen Tabus, sehen sich alsbald nicht nur von hilfsbedürftigen Flüchtlingen, sondern auch von Meuterern, Piraten und Kannibalen umringt. Und während sie einen Unterrock nach dem anderen ablegt und er die Kleidung der eigenwilligen „Hosenmenschen“ anprobiert, merken sie, dass sie beide und ihre „Stammes“-Welten sich ähnlicher sind, als sie zunächst vermutet hatten, und dass selbst ein Kannibalenhäuptling verdammte Ähnlichkeit mit dem englischen Premierminister oder dem Erzbischof von Canterbury haben kann.

Ein virtuos inszenierter „cultural clash“, mal hochkomisch, mal tiefernst. Da braut uns Pratchett ein Inselbier – das erst genießbar wird, wenn man kräftig reinspuckt und so lange wartet, wie es dauert, 16 mal den Bibabutzemann zu singen – und serviert dazu Gedanken und Gespräche über Theodizee und Evolution, über Imperialismus und Nationsbildung. Denn auch wenn sich Pratchett gern mal den Mantel beliebter Südseeseeräuberpossen umhängt, hat er in dessen Futter stets eine gehörige Portion Zivilisationskritik versteckt.


Klaus Nowak für "1000 und 1 Buch"


Buch des Monats - Archiv



nach oben


 


Terry Pratchett: Eine Insel

Aus dem Englischen von Peder Brehnkmann

München: cbj 2009
352 Seiten; Eur 20,60

cbj



Buch des Monats - Archiv

INSTITUT FÜR JUGENDLITERATUR   Mayerhofgasse 6    A-1040 Wien         Tel.: +43/1/505 03 59        office@jugendliteratur.net