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Buch des Monats Mai 2009

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Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur
Manche kennen es von Kinderfesten: Ein Blatt
Papier und ein Stift genügen, um der Kreativität freien Lauf
lassen zu können, wenn zu einem vorgegebenen Wort oder Satz –
nach dem Schreiben jeweils durch Um-biegen für den Nächsten
uneinsehbar gemacht – eine Fortsetzung geschrieben werden soll;
am Ende findet sich eine „affenteuerliche Ge-schichtsklitterung“.
Die Entstehung des vorliegenden Bandes weicht davon natürlich insofern
ab, als hier zehn großartige SchriftstellerInnen am Werk waren und
das je-weils bisher Geschriebene dem/der Fortsetzenden vorlag. Allein
dieser Aspekt zeichnet den Band als ein (übrigens sehr lesenswertes)
Unikat aus, was sich in der Frage der Textsortenzuordnung manifestiert:
Im Untertitel „Ro-man“ genannt, ist im Klappentext von zehn
Kurzgeschichten die Rede; kennzeichnend ist jedenfalls die sehr offene
Textstruktur.
Die ungewöhnliche Genese verleiht „Klick!“ einen zusätzlichen
Kick: Im Unterschied zur verbreiteten „Whodunit“-Leseweise
reizt – zumindest fortgeschrittene – Lesende natürlich
auch der formale Aspekt: Wie ge-lingt es den AutorInnen, aus Einzelperspektiven
ein Ge-samtes zu formen – wenn nicht im Band, so dann immerhin in
der Vorstellungswelt der Lesenden. Sicher denkt hier der eine oder die
andere an Fotocollagen, facettenartig zusammengesetzt aus Einzelfotos.
Beim Text müssen freilich lange nicht alle Plätze ausgefüllt
sein, konstituieren doch gerade Leerstellen erst die Herausforderungen,
spannend (und im Lektürevorgang stets abgleichend) eigene Erfahrungen
und Überlegungen kreativ zu entwickeln und einzubauen, das Fotopuzzle
komplettierend.
Mit dem Titel wird schon in die Welt der Fotografie geführt: Fotos,
und zwar künstlerische Fotos als Medien zum Lesen der Welt, die einen
„fruchtbaren Moment“ (Lessing) festhalten, sind der Lebensinhalt
des Fotografen George Keane gewesen, aus dessen Nachlass sein Enkel Jason
signierte, lukrativ verwertbare Fotos berühmter Sportler sowie dessen
Enkelin Maggie ein Holzkästchen mit sieben Muscheln samt rätselhaftem
Handlungsauftrag erben. Mit diesen Fernlenkeigenschaften durch die geerbten
Objekte samt vielfältigen Sideeffects ist von Linda Sue Park der
Knoten für die weitere Erzählentwicklung geschürzt. David
Almond führt in eine private Begegnung aus Keanes Fotografenzeit
zurück. Eoin Colfer zeichnet die ne-gativen Potenziale, die Jasons
Erbe hervorruft – nicht ohne eine positive Kehre zu ermöglichen.
Typisch für ihr immer wieder beeindruckendes soziales Engagement
begleitet Deborah Ellis die Lesenden in jenes Straflager, in dem das hölzerne
Muschelbehältnis entstanden ist. Nick Hornby eröffnet in seinem
Text, fast in der Tradition von Edgar Allen Poe selbst die persönliche
Identität entgrenzend, eine unbekannte Di-mension einer Parallelexistenz
des verehrten Großvaters Keane. Roddy Doyle führt in die Tiefe
der Jahre von dessen Fotografenarbeit während eines Sportevents zurück.
Tim Wynne-Jones nimmt sich des zum Fotokünstler heranreifenden Jason
an. Weit zurück in das von Atombomben verwüstete Japan zur Zeit
des Zweiten Weltkriegs leitet Ruth Ozeki und zeigt Gees versöhnliche
Haltung ge-genüber den Kriegsopfern. Auf der Zeitschiene diametral
entgegengesetzt, also in die nicht so ganz schöne neue Welt, springt
Margo Lanagan, in der Jason auf seltsame Weise entschwindet und in der
die gealterte Margaret den vorletzten Erbauftrag zu erfüllen sucht.
Gregory Maguire kommt schließlich die Aufgabe zu, die weit verstreuten
Handlungsfäden wieder einzusammeln, zu bündeln und die durch
Lebenserfahrungen weise gewordene Margaret verkünden zu lassen: Das
ist es, was wir weitergeben wollen. Nicht uns selbst, nicht einmal unsere
Gene. Nur unsere Hoffnung, dass die Jungen sich daran erinnern werden
– dass sie die Augen offen halten und hinsehen sollen.
Auf der von formaler Offenheit be-stimmten Konzeption basierend, ist der
Band inhaltlich kongruent vom Hinweisen auf Möglichkeiten hin ausgerichtet
– ganz im Gegenteil zur defätistisch-einengenden Aussage von
Pink Floyds „another brick in the wall“ (1979 – inspiriert
von A. E. Poes “The Cask of Amontillado” von 1846) könnte
man von einer befreienden Grundtendenz sprechen, verdeutlicht im Auftrag,
ererbtes Totes – in Form von Muschelschalen, den Relikten des Lebenden
– über Bord zu werfen, zurück ins Wasser, in die Quelle
neuen Lebens.
Franz Derdak für 1000 und 1 Buch, 2|2009
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