Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur

Manche kennen es von Kinderfesten: Ein Blatt Papier und ein Stift genügen, um der Kreativität freien Lauf lassen zu können, wenn zu einem vorgegebenen Wort oder Satz – nach dem Schreiben jeweils durch Um-biegen für den Nächsten uneinsehbar gemacht – eine Fortsetzung geschrieben werden soll; am Ende findet sich eine „affenteuerliche Ge-schichtsklitterung“. Die Entstehung des vorliegenden Bandes weicht davon natürlich insofern ab, als hier zehn großartige SchriftstellerInnen am Werk waren und das je-weils bisher Geschriebene dem/der Fortsetzenden vorlag. Allein dieser Aspekt zeichnet den Band als ein (übrigens sehr lesenswertes) Unikat aus, was sich in der Frage der Textsortenzuordnung manifestiert: Im Untertitel „Ro-man“ genannt, ist im Klappentext von zehn Kurzgeschichten die Rede; kennzeichnend ist jedenfalls die sehr offene Textstruktur.
Die ungewöhnliche Genese verleiht „Klick!“ einen zusätzlichen Kick: Im Unterschied zur verbreiteten „Whodunit“-Leseweise reizt – zumindest fortgeschrittene – Lesende natürlich auch der formale Aspekt: Wie ge-lingt es den AutorInnen, aus Einzelperspektiven ein Ge-samtes zu formen – wenn nicht im Band, so dann immerhin in der Vorstellungswelt der Lesenden. Sicher denkt hier der eine oder die andere an Fotocollagen, facettenartig zusammengesetzt aus Einzelfotos. Beim Text müssen freilich lange nicht alle Plätze ausgefüllt sein, konstituieren doch gerade Leerstellen erst die Herausforderungen, spannend (und im Lektürevorgang stets abgleichend) eigene Erfahrungen und Überlegungen kreativ zu entwickeln und einzubauen, das Fotopuzzle komplettierend.
Mit dem Titel wird schon in die Welt der Fotografie geführt: Fotos, und zwar künstlerische Fotos als Medien zum Lesen der Welt, die einen „fruchtbaren Moment“ (Lessing) festhalten, sind der Lebensinhalt des Fotografen George Keane gewesen, aus dessen Nachlass sein Enkel Jason signierte, lukrativ verwertbare Fotos berühmter Sportler sowie dessen Enkelin Maggie ein Holzkästchen mit sieben Muscheln samt rätselhaftem Handlungsauftrag erben. Mit diesen Fernlenkeigenschaften durch die geerbten Objekte samt vielfältigen Sideeffects ist von Linda Sue Park der Knoten für die weitere Erzählentwicklung geschürzt. David Almond führt in eine private Begegnung aus Keanes Fotografenzeit zurück. Eoin Colfer zeichnet die ne-gativen Potenziale, die Jasons Erbe hervorruft – nicht ohne eine positive Kehre zu ermöglichen. Typisch für ihr immer wieder beeindruckendes soziales Engagement begleitet Deborah Ellis die Lesenden in jenes Straflager, in dem das hölzerne Muschelbehältnis entstanden ist. Nick Hornby eröffnet in seinem Text, fast in der Tradition von Edgar Allen Poe selbst die persönliche Identität entgrenzend, eine unbekannte Di-mension einer Parallelexistenz des verehrten Großvaters Keane. Roddy Doyle führt in die Tiefe der Jahre von dessen Fotografenarbeit während eines Sportevents zurück. Tim Wynne-Jones nimmt sich des zum Fotokünstler heranreifenden Jason an. Weit zurück in das von Atombomben verwüstete Japan zur Zeit des Zweiten Weltkriegs leitet Ruth Ozeki und zeigt Gees versöhnliche Haltung ge-genüber den Kriegsopfern. Auf der Zeitschiene diametral entgegengesetzt, also in die nicht so ganz schöne neue Welt, springt Margo Lanagan, in der Jason auf seltsame Weise entschwindet und in der die gealterte Margaret den vorletzten Erbauftrag zu erfüllen sucht. Gregory Maguire kommt schließlich die Aufgabe zu, die weit verstreuten Handlungsfäden wieder einzusammeln, zu bündeln und die durch Lebenserfahrungen weise gewordene Margaret verkünden zu lassen: Das ist es, was wir weitergeben wollen. Nicht uns selbst, nicht einmal unsere Gene. Nur unsere Hoffnung, dass die Jungen sich daran erinnern werden – dass sie die Augen offen halten und hinsehen sollen.
Auf der von formaler Offenheit be-stimmten Konzeption basierend, ist der Band inhaltlich kongruent vom Hinweisen auf Möglichkeiten hin ausgerichtet – ganz im Gegenteil zur defätistisch-einengenden Aussage von Pink Floyds „another brick in the wall“ (1979 – inspiriert von A. E. Poes “The Cask of Amontillado” von 1846) könnte man von einer befreienden Grundtendenz sprechen, verdeutlicht im Auftrag, ererbtes Totes – in Form von Muschelschalen, den Relikten des Lebenden – über Bord zu werfen, zurück ins Wasser, in die Quelle neuen Lebens.


Franz Derdak für 1000 und 1 Buch, 2|2009


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David Almond / Eoin Colfer / Roddy Doyle / Deborah Ellis / Nick Hornby / Margo Lanagan / Gregory Maguire / Ruth Ozeki / Linda SuePark / Tim Wynne-Jone:

Klick! Zehn Autoren erzählen einen Roman

München: Hanser 2009
ISBN: 978-3-446-23308-9
Buch: 224 Seiten; Eur 15,40

Hanser

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