Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur


Wenn ich ein Kind wär’ und läge mit Fieber im Krankenhaus am Tropf und hätte gerade Grimms Märchen gelesen und neben mir läge ein fremdes Mädchen, dann würde meine Phantasie wild durcheinanderjagen. Ich würde angeben und neue Strategien entwickeln, wie der Jäger das Rotkäppchen hätte schützen können. Und das andere Mädchen würde mit spitzfindigen Antworten meinen schönen Plan zunichte machen. Dann würde ich einen neuen Anlauf nehmen, diesmal mit den sieben Geißlein, aber wir würden uns nur noch mehr verheddern – ich würde den Unterschied zwischen Wölfen und Hunden nicht mehr verstehen und müsste darauf aufmerksam gemacht werden, dass auch Ziegen sich mit Hunden nicht so gut verstehen. Und während ich ein Mensch oder ein harmloses Zicklein bliebe, würde die andere sich immer mehr als Wolf entpuppen. Zum Glück würde das Untier dann von einer Krankenschwester hinausgeschoben und ich bliebe friedlich in meinem gestreiften Schlafanzug zurück. So geschieht es in dem farbenprächtigen Bilderbuch von Schneider und Harjes. Ein Märchenverwirrspiel in diabolischen Farbtönen zwischen Blutrot und giftigem Lila, mit vielen weißen Raffzähnen, tückisch funkelnden Augen und glänzenden Fliegenpilzen. Dazwischen immer wieder klaustrophobe Kämmerchen, rätselhafte Nummern und spitze Vogelschnäbel: ein veritabler Fiebertraum. Unerschrocken werden verschiedene Illustrationstechniken eingesetzt – gemalt, ge-zeichnet, collagiert, mal matt, mal rätselhaft glänzend. Ein Buch zum „Zusammenanschauen“, denn gemeinsam kann man die Geschichten weiterspinnen, auch ohne Fieber, und vom Hundertsten ins Tausendste kommen. Immer mit dieser zwingenden, absurden Logik, für die Kinder im Vorschulalter Spezialisten sind. Für Erwachsene möglicherweise eine anstrengende Reise. Vergeblich werden sie nach Regelmäßigkeiten, überschaubarer Psychologie oder einem kollektiven Urgrund von Märchen suchen. Orientierungslos taumeln sie durch den Bilderwald von Stefanie Harjes wie Karl Roßmann durch die amerikanischen Un-tiefen in Kafkas „Der Verschollene“.

Ines-Bianca Vogdt für 1000 und 1 Buch


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Karla Schneider & Stefanie Harjes
Wenn ich das 7. Geißlein wär
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Köln: Boje 2009
ISBN: 978-3-414-82183-6
Buch: 40 Seiten; Eur 12,90

Boje Verlag



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