Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur

„Mein Vater war auf dem Weg in den Krieg. Die Tasche war schon gepackt, er musste sich nur noch verabschieden.“
Der da weggeht, ist ein Arzt, der seinen Beruf oft in Krisen- und Kriegsgebieten ausübt. Manche nennen ihn einen Helden. Immer wenn er in den Krieg zieht, bleiben ein Mädchen und zwei Frauen zurück. Seine Mutter: „Er denkt nur an sich selbst.“ Seine Ehefrau: „Er will helfen.“ Und die Tochter Kiki: „Ich vermisste meinen Vater schrecklich.“
Aus der unbestimmten Angst, die alle drei befällt, wenn der Held weg ist, wird eine konkrete, als seine Anrufe ausbleiben und er schließlich vermisst gemeldet wird. Die Mutter versucht die Tochter mit Hilfe mathematischer Logik zu beruhigen: Es sei, erklärt sie, unwahrscheinlicher, einen toten Vater zu haben als einen lebenden, schließlich hätten doch fast alle Kinder einen lebenden. „Ich dachte an Johnnys Vater. Den einzigen toten Vater, den ich kannte. Ich kannte außerdem noch drei Kinder mit einer toten Katze, zwei Kinder mit einem toten Hund und ein Kind mit einer toten Maus.“ Und kein Kind mit einem toten Vater, einem toten Hund und einer toten Maus. „Meine Mutter würde das eine kleine Wahrscheinlichkeit nennen.“ Und also geht Kiki in eine Tierhandlung und kauft eine Maus …
Die Niederländerin Marjolijn Hof setzt den einfachen, bald absehbaren Plot in gerade mal hundert Seiten um: klar, schnörkellos und konzentriert auf die drei Frauenfiguren und ihren Reaktionen auf die Situation. Dass hier so kontrolliert, fast emotionslos über ein gerade zehn Jahre altes Mädchen erzählt wird – aus ihrer Perspektive! –, lässt sich wohl aus einer zeitlichen Distanz heraus erklären, handelt es sich doch um einen Rückblick. Und dieser Ton, den Meike Batnik wunderbar ins Deutsche übertragen hat, vermittelt ein sehr genaues Bild von dem Mädchen, das vor Angst fast erstarrt. Während diese Angst bei der Großmutter sich als heftige Wut äußert und bei der Mutter als Geschäftigkeit, greift Kiki auf eine mathematische Theorie zurück, um Halt zu bekommen – und sich ganz irrational in ihr zu verrennen: Der Tod zweier Tiere wird gegen das Leben des Vaters gesetzt.
Die unaufgeregte Erzählweise bestimmt zwingend auch die Lesehaltung: Sie hält uns auf Distanz, sorgt dafür, dass wir fast analytisch dem Konflikt folgen, der uns nicht rührt, aber immens berührt. Und zugleich übersetzt sie die innere Anspannung des Mädchens in eine große Text-Spannung, die bis zum Schluss hält.
Dass in Marjolijn Hofs dichter Erzählung über kindliche Angst im richtigen Moment der richtige Mensch auftaucht, der zuhört, die richtigen Fragen stellt und das richtige sagt – oder nicht sagt, das ist vielleicht der entscheidende Unterschied zwischen einem Kinderbuch und dem wirklichen Leben. Und dass am Ende Kikis Vater zurückkommt. Zwar fehlt ihm ein Bein, aber das schadet seinem Heldentum so wenig, wie die Zweifel und Ängste, die er erstmals äußert. Wichtig für das Mädchen ist vor allem, dass er wieder da ist: „Ich spürte wie mein Vater atmete. Sein Brustkorb hob und senkte sich langsam.“

Franz Lettner


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Marjolijn Hof
Tote Maus für Papas Leben :

Aus dem Niederländischen von Meike Blatnik

Berlin: Bloomsbury 2008
ISBN 978-3-8270-5323-7
112 Seiten
Eur-A 10,20 | Eur-D 9,90

Bloomsbury



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