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Buch des Monats Jänner 2009

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Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur
„Mein Vater war auf dem Weg in den Krieg. Die Tasche war schon gepackt,
er musste sich nur noch verabschieden.“
Der da weggeht, ist ein Arzt, der seinen Beruf oft in Krisen- und Kriegsgebieten
ausübt. Manche nennen ihn einen Helden. Immer wenn er in den Krieg
zieht, bleiben ein Mädchen und zwei Frauen zurück. Seine Mutter:
„Er denkt nur an sich selbst.“ Seine Ehefrau: „Er will
helfen.“ Und die Tochter Kiki: „Ich vermisste meinen Vater
schrecklich.“
Aus der unbestimmten Angst, die alle drei befällt, wenn der Held
weg ist, wird eine konkrete, als seine Anrufe ausbleiben und er schließlich
vermisst gemeldet wird. Die Mutter versucht die Tochter mit Hilfe mathematischer
Logik zu beruhigen: Es sei, erklärt sie, unwahrscheinlicher, einen
toten Vater zu haben als einen lebenden, schließlich hätten
doch fast alle Kinder einen lebenden. „Ich dachte an Johnnys Vater.
Den einzigen toten Vater, den ich kannte. Ich kannte außerdem noch
drei Kinder mit einer toten Katze, zwei Kinder mit einem toten Hund und
ein Kind mit einer toten Maus.“ Und kein Kind mit einem toten Vater,
einem toten Hund und einer toten Maus. „Meine Mutter würde
das eine kleine Wahrscheinlichkeit nennen.“ Und also geht Kiki in
eine Tierhandlung und kauft eine Maus …
Die Niederländerin Marjolijn Hof setzt den einfachen, bald absehbaren
Plot in gerade mal hundert Seiten um: klar, schnörkellos und konzentriert
auf die drei Frauenfiguren und ihren Reaktionen auf die Situation. Dass
hier so kontrolliert, fast emotionslos über ein gerade zehn Jahre
altes Mädchen erzählt wird – aus ihrer Perspektive! –,
lässt sich wohl aus einer zeitlichen Distanz heraus erklären,
handelt es sich doch um einen Rückblick. Und dieser Ton, den Meike
Batnik wunderbar ins Deutsche übertragen hat, vermittelt ein sehr
genaues Bild von dem Mädchen, das vor Angst fast erstarrt. Während
diese Angst bei der Großmutter sich als heftige Wut äußert
und bei der Mutter als Geschäftigkeit, greift Kiki auf eine mathematische
Theorie zurück, um Halt zu bekommen – und sich ganz irrational
in ihr zu verrennen: Der Tod zweier Tiere wird gegen das Leben des Vaters
gesetzt.
Die unaufgeregte Erzählweise bestimmt zwingend auch die Lesehaltung:
Sie hält uns auf Distanz, sorgt dafür, dass wir fast analytisch
dem Konflikt folgen, der uns nicht rührt, aber immens berührt.
Und zugleich übersetzt sie die innere Anspannung des Mädchens
in eine große Text-Spannung, die bis zum Schluss hält.
Dass in Marjolijn Hofs dichter Erzählung über kindliche Angst
im richtigen Moment der richtige Mensch auftaucht, der zuhört, die
richtigen Fragen stellt und das richtige sagt – oder nicht sagt,
das ist vielleicht der entscheidende Unterschied zwischen einem Kinderbuch
und dem wirklichen Leben. Und dass am Ende Kikis Vater zurückkommt.
Zwar fehlt ihm ein Bein, aber das schadet seinem Heldentum so wenig, wie
die Zweifel und Ängste, die er erstmals äußert. Wichtig
für das Mädchen ist vor allem, dass er wieder da ist: „Ich
spürte wie mein Vater atmete. Sein Brustkorb hob und senkte sich
langsam.“
Franz Lettner
Buch
des Monats - Archiv

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