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Buch des Monats Oktober 2008


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Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur
Wo ist eigentlich die Fremde? Sie wartet in einem neuen Land, aber sie
lauert auch hinter der nächsten Straßenecke oder in der Speisekammer.
Unsere Gegenwart ist gekennzeichnet vom Fremdwerden: durch die Migration,
die besonders für die Jugend durch die Globalisierung notwendig wird,
durch die Technisierung der Welt, durch den architektonischen Overkill
in den Städten. Niemand wird bezweifeln, dass Hongkong eine Vorstadt
des Universums ist, aber auch die Straßengürtel, Shoppingmalls,
Schlafsilos, Reihenhausmitgartenansammlungen, die alle modernen Großstädte
umgeben, strahlen in ihrer Uniformität Entfremdung aus. Wo sich alles
zum Verwechseln ähnlich sieht, wird man nicht heimisch. Heimat braucht
Anhaltspunkte, Orte, an denen Identifikation stattfindet. Gemeinsame Erinnerungen
können einen solchen Kristallisationspunkt schaffen: Kannst du dich
an den Wasserbüffel erinnern, auf dem leeren Grundstück am Ende
unserer Straße? Weißt du noch, als wir den Taucher in der
Unterführung getroffen haben? So fragen die Kinder in Shaun Tans
„Geschichten aus der Vorstadt des Universums“. Das Universum
ist der Inbegriff des Fremdartigen, so ist es normal, dass dort ein Büffel
mit den Klauen den richtigen Lebensweg orakelt oder ein Japaner im muschel-
und algenbesetzten Anzug triefend die einzige Japanerin am Ort findet.
Auch wenn ein Austauschschüler nicht größer ist als das
Papierschirmchen auf einem Eisbecher, schnallt er sich im Auto ordnungsgemäß
an. Darin liegt das Geheimnis von Shaun Tans Bild-Büchern: während
die Illustrationen durch eine rätselhafte Dingwelt irritieren, erzählen
die Texte von altvertrauten Gefühlen. Von der Rivalität zwischen
Brüdern, von der Liebe eines jungen Ehepaares, die alle Hindernisse
überwindet, von der unsinnigen Gewalt von Jugendlichen gegen die
Ureinwohner der Vorstadt, die obskuren Stockgestalten, von der Sehnsucht
nach einem Haustier, vom Totschlagen und Heimkommen, von Spielzeugpferdchen,
Gedichtkugeln und den mediterranen Innenhöfen der Phantasie. Shaun
Tan zeigt, wie das Leben auf diesem oft unwirtlichen Planeten erträglich
wird. Es ist ganz einfach: die Interkontinentalraketen, die alle Familien
in ihrem Garten aufstellen müssen, werden angemalt und die Kabel
als Wäscheleinen verwendet oder man höhlt sie aus und nutzt
sie als Picknickhäuschen. Bunt und fröhlich sind viele von Tans
Bildern, auch wenn ihre surrealistische Wirklichkeit etwas von der farbigen
Düsternis der Bilder von de Chirico hat. Einen ernsten Kontrapunkt
bilden dazwischen die schwarzen und sepiafarben gestrichelten Zeichnungen.
Sie symbolisieren das Spannungsfeld, in dem sich Betroffene und Betrachter
befinden: Fremdes wird vertraut, Vertrautes fremd und durch diese Verfremdung
verständlicher. Das Vertraute ist zugleich heimelig und abgründig
öde, die Fremde erschreckend und voller Verheißung.
So erleben sie auch die Menschen in der Graphic Novel „Ein neues
Land“. Ein Vater muss seine Familie zurücklassen, weil er politisch
verfolgt wird, irgendwann will er sie nachholen. Wie der Ankömmling
ist der Betrachter gezwungen, neu Lesen zu lernen, eine Bilderschrift
nämlich. Schwerpunkte dieses Buches, dessen Cover einem alten ledergebundenen
Album nachempfunden ist, bilden große Tableaus: Seiten und Doppelseiten
zu je 23cm x 31cm. Sie werden umspielt von Bögen, auf denen das Format
unterschiedlich variiert wird. Die Handlung findet auf den kleineren Bildchen
statt, minimale Veränderungen hier erklären das große
Bild. Hin- und zurück wandern die Augen, Verstehensprozesse finden
statt wie beim Erlernen einer Fremdsprache, so gerät man rasch in
die Situation des Einwanderers, der voller Hoffnungen kommt, dem das neue
Land jedoch unheimlich fremd ist. Dafür hat Tan überzeugende
Bilder gefunden – Buchstaben und Nahrungsmittel ähneln unseren
nur vage, die Tiere sind Hieronymus Bosch entlaufen. Die Behörden,
mit ihrem Stempelwesen, sind übermächtig wie bei Kafka, die
Arbeitswelt gleicht dem Hexenkessel in Metropolis. In dieser Fremde findet
der Vater Freunde, das Unbekannte wird schön, seine Familie kann
nachkommen, bald kann die Tochter einer „Neuen“ die Welt erklären.
Tan zeichnet hunderte von Bildern, alle gleich realistisch in feiner Sepiafarbe
auf braunem Grund, als hätten wir ein altes Dokument vor uns. Dabei
ist es gleich, ob es sich um die Hand eines Mannes, die Mütze eines
Kindes oder das breite Grinsen eines Monsterschoßhundes handelt.
Es ist die diffuse Schattenwelt der Träume und Erinnerungen mit ihrer
Bedeutungsperspektive – das Gefürchtete wird riesengroß,
das Ersehnte leuchtet hell.
Still und plastisch wie eine Stereografie rühren die Momente des
Abschieds, des Heimwehs und des Wiedersehens selbst hartgesottene Jugendliche
zu Tränen. Shaun Tan wurde 1974 in Australien geboren, sein Vater
ist erst 1960 aus Malaysien dort eingewandert. Doch die Welt der 60er
Jahre ist für ihn und uns genauso versunken wie ein fernes Heimatland.
So sind wir alle MigrantInnen des Raums oder der Zeit. Shaun Tan hat Bilder
gefunden, ein bisschen zu trauern und ganz viel zu hoffen.
Ines-Bianca Vogdt
Buch
des Monats - Archiv

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