Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur

Wo ist eigentlich die Fremde? Sie wartet in einem neuen Land, aber sie lauert auch hinter der nächsten Straßenecke oder in der Speisekammer. Unsere Gegenwart ist gekennzeichnet vom Fremdwerden: durch die Migration, die besonders für die Jugend durch die Globalisierung notwendig wird, durch die Technisierung der Welt, durch den architektonischen Overkill in den Städten. Niemand wird bezweifeln, dass Hongkong eine Vorstadt des Universums ist, aber auch die Straßengürtel, Shoppingmalls, Schlafsilos, Reihenhausmitgartenansammlungen, die alle modernen Großstädte umgeben, strahlen in ihrer Uniformität Entfremdung aus. Wo sich alles zum Verwechseln ähnlich sieht, wird man nicht heimisch. Heimat braucht Anhaltspunkte, Orte, an denen Identifikation stattfindet. Gemeinsame Erinnerungen können einen solchen Kristallisationspunkt schaffen: Kannst du dich an den Wasserbüffel erinnern, auf dem leeren Grundstück am Ende unserer Straße? Weißt du noch, als wir den Taucher in der Unterführung getroffen haben? So fragen die Kinder in Shaun Tans „Geschichten aus der Vorstadt des Universums“. Das Universum ist der Inbegriff des Fremdartigen, so ist es normal, dass dort ein Büffel mit den Klauen den richtigen Lebensweg orakelt oder ein Japaner im muschel- und algenbesetzten Anzug triefend die einzige Japanerin am Ort findet. Auch wenn ein Austauschschüler nicht größer ist als das Papierschirmchen auf einem Eisbecher, schnallt er sich im Auto ordnungsgemäß an. Darin liegt das Geheimnis von Shaun Tans Bild-Büchern: während die Illustrationen durch eine rätselhafte Dingwelt irritieren, erzählen die Texte von altvertrauten Gefühlen. Von der Rivalität zwischen Brüdern, von der Liebe eines jungen Ehepaares, die alle Hindernisse überwindet, von der unsinnigen Gewalt von Jugendlichen gegen die Ureinwohner der Vorstadt, die obskuren Stockgestalten, von der Sehnsucht nach einem Haustier, vom Totschlagen und Heimkommen, von Spielzeugpferdchen, Gedichtkugeln und den mediterranen Innenhöfen der Phantasie. Shaun Tan zeigt, wie das Leben auf diesem oft unwirtlichen Planeten erträglich wird. Es ist ganz einfach: die Interkontinentalraketen, die alle Familien in ihrem Garten aufstellen müssen, werden angemalt und die Kabel als Wäscheleinen verwendet oder man höhlt sie aus und nutzt sie als Picknickhäuschen. Bunt und fröhlich sind viele von Tans Bildern, auch wenn ihre surrealistische Wirklichkeit etwas von der farbigen Düsternis der Bilder von de Chirico hat. Einen ernsten Kontrapunkt bilden dazwischen die schwarzen und sepiafarben gestrichelten Zeichnungen. Sie symbolisieren das Spannungsfeld, in dem sich Betroffene und Betrachter befinden: Fremdes wird vertraut, Vertrautes fremd und durch diese Verfremdung verständlicher. Das Vertraute ist zugleich heimelig und abgründig öde, die Fremde erschreckend und voller Verheißung.
So erleben sie auch die Menschen in der Graphic Novel „Ein neues Land“. Ein Vater muss seine Familie zurücklassen, weil er politisch verfolgt wird, irgendwann will er sie nachholen. Wie der Ankömmling ist der Betrachter gezwungen, neu Lesen zu lernen, eine Bilderschrift nämlich. Schwerpunkte dieses Buches, dessen Cover einem alten ledergebundenen Album nachempfunden ist, bilden große Tableaus: Seiten und Doppelseiten zu je 23cm x 31cm. Sie werden umspielt von Bögen, auf denen das Format unterschiedlich variiert wird. Die Handlung findet auf den kleineren Bildchen statt, minimale Veränderungen hier erklären das große Bild. Hin- und zurück wandern die Augen, Verstehensprozesse finden statt wie beim Erlernen einer Fremdsprache, so gerät man rasch in die Situation des Einwanderers, der voller Hoffnungen kommt, dem das neue Land jedoch unheimlich fremd ist. Dafür hat Tan überzeugende Bilder gefunden – Buchstaben und Nahrungsmittel ähneln unseren nur vage, die Tiere sind Hieronymus Bosch entlaufen. Die Behörden, mit ihrem Stempelwesen, sind übermächtig wie bei Kafka, die Arbeitswelt gleicht dem Hexenkessel in Metropolis. In dieser Fremde findet der Vater Freunde, das Unbekannte wird schön, seine Familie kann nachkommen, bald kann die Tochter einer „Neuen“ die Welt erklären. Tan zeichnet hunderte von Bildern, alle gleich realistisch in feiner Sepiafarbe auf braunem Grund, als hätten wir ein altes Dokument vor uns. Dabei ist es gleich, ob es sich um die Hand eines Mannes, die Mütze eines Kindes oder das breite Grinsen eines Monsterschoßhundes handelt. Es ist die diffuse Schattenwelt der Träume und Erinnerungen mit ihrer Bedeutungsperspektive – das Gefürchtete wird riesengroß, das Ersehnte leuchtet hell.
Still und plastisch wie eine Stereografie rühren die Momente des Abschieds, des Heimwehs und des Wiedersehens selbst hartgesottene Jugendliche zu Tränen. Shaun Tan wurde 1974 in Australien geboren, sein Vater ist erst 1960 aus Malaysien dort eingewandert. Doch die Welt der 60er Jahre ist für ihn und uns genauso versunken wie ein fernes Heimatland. So sind wir alle MigrantInnen des Raums oder der Zeit. Shaun Tan hat Bilder gefunden, ein bisschen zu trauern und ganz viel zu hoffen.


Ines-Bianca Vogdt


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Shaun Tan: Ein neues Land

Carlsen 2008
ISBN 978-3-551-73431-0
128 Seiten
Eur-A 30,80 | Eur-D 29,90 | sFr 50,90 UVP

Shaun Tan:
Geschichten aus der Vorstadt des Universums

Aus dem Englischen von Eike Schönfeld
Hamburg: Carlsen 2008
96 S. | Eur-D 20,50 | ab 8


Carlsen

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