Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur

Aus dem anerkannten Wunderkind Colin Singleton, der mit zwei lesen konnte, immer der Klügste war und in seinem Leben Bedeutendes leisten wollte, ist am Ende der High School ein anerkannter Langweiler, ein selbstmitleidiger Klugscheißer geworden. Zwischen damals und heute liegen 19 Katherines. Und alle haben ihn verlassen, aber die 19. hat ihn umgehauen. Und er würde nicht wieder aufstehen, wäre nicht Hassan an seiner Seite, sein bester (seien wir ehrlich: einziger) Freund. Der hat nicht nur ein loses Maul, sondern auch eine Lösung für den angezählten Colin: Weg von hier. Warum und wohin? fragt Colins Mutter? „Seien Sie nicht böse, Mrs. Singleton“, sagte Hassan und legte die Füße auf den Couchtisch (was nicht erlaubt war), „aber Sie haben das Entscheidende nicht verstanden. Es gibt kein Wohin oder Warum.“

Wie so oft in der Jugend und in der Literatur, die von ihr erzählt, steht das Wegfahren am Anfang und der Weg ist das Ziel. Der Rest allerdings kommt in Greens Roman „Die erste Liebe [nach 19 vegeblichen Versuchen]“ eher ungewöhnlich daher: Die Jungen bleiben auf halbem Weg ins Irgendwo in Gutshot/Tennessee hängen, weil hier angeblich der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand begraben liegt. Treffen dort, nein, nicht auf die 20. Katherine, sondern auf Lindsay, deren Mutter, die einzige (und ausgesprochen großzügige Arbeitgeberin) der Gegend, ihnen einen Job für den Sommer anbietet.

Colin ist ohnehin hauptsächlich mit Leiden beschäftigt. Er arbeitet daran, seine Erfahrungen mit den 19 Katherines in ein Theorem zu überführen, eine mathematische Universalformel, an Hand derer sich ausrechnen lässt, wer in einer Liebesbeziehung wen wann abserviert. Dass er uns trotzdem sympathisch wird, ist das Verdienst von Hassan, der einen mehr als guten Freund und Sparringpartner abgibt – und dem Leser dabei sehr ans Herz wächst.

Doch die Story ist nicht alles an diesem Buch:Am laufenden Band werden Anagramme gebildet, mathematische und andere sehr theoretische Probleme gebastelt und auf wundersame Weise gelöst. Ja, der Plot ist sehr konstruiert. Ja, die Figuren sind ausgesprochen ausgesucht, ja, die Gespräch sind zum Teil sehr altklug oder pubertär. Aber Green beweist, dass er mit seinem schrägen Humor und seiner Fähigkeit, geschliffene, kluge und zugleich komische Dialoge zu schreiben, die Teile nicht nur zusammenzuhalten, sondern ihnen auch Dynamik einzuschreiben vermag. So ist dieses Buch nicht nur eine Hymne auf Freundschaft, nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern auch und nicht zuletzt ein großes Spiel. Wie schon Greens Erstlingsroman „Alaska“ (mit dem Zeit-Luchs ausgezeichnet und für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2008 nominiert) versteht sich auch „An Aboundance of Katherines“, als ein Buch für belesene Menschen. Ein Buch für Leser, die Freude an Literatur haben, an ihren Regeln und Abweichungen – die Literatur als ein Spiel nehmen, das auch unwahrscheinliche Varianten von tatsächlichem oder möglichem Leben vorführt.
Und wie in „Alaska“ schickt Green auch hier höchst smarte Helden auf die Reise, Figuren, die man mag, denen man auch im wirklichen Leben gerne begegnen würde. Wenn es sein muss, auch in Gutshot/Tenneesse. Aber dort sind sie natürlich längst nicht mehr. Weil sie sind jung.

 

Franz Lettner für © DIE ZEIT LITERATUR, Oktober 2008, Seite 98Nr. 21


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John Green
Die erste Liebe [nach 19 vergeblichen Versuchen]

Hanser 2008
ISBN 978-3-446-23091-0
288 Seiten
Eur-A 15,40 | Eur-D 14,90 | sFr 27,90 UVP

Hanser Verlag

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