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Buch des Monats August 2008

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Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur
Aus dem anerkannten Wunderkind Colin Singleton, der mit zwei lesen konnte,
immer der Klügste war und in seinem Leben Bedeutendes leisten wollte,
ist am Ende der High School ein anerkannter Langweiler, ein selbstmitleidiger
Klugscheißer geworden. Zwischen damals und heute liegen 19 Katherines.
Und alle haben ihn verlassen, aber die 19. hat ihn umgehauen. Und er würde
nicht wieder aufstehen, wäre nicht Hassan an seiner Seite, sein bester
(seien wir ehrlich: einziger) Freund. Der hat nicht nur ein loses Maul,
sondern auch eine Lösung für den angezählten Colin: Weg
von hier. Warum und wohin? fragt Colins Mutter? „Seien Sie nicht
böse, Mrs. Singleton“, sagte Hassan und legte die Füße
auf den Couchtisch (was nicht erlaubt war), „aber Sie haben das
Entscheidende nicht verstanden. Es gibt kein Wohin oder Warum.“
Wie so oft in der Jugend und in der Literatur, die von ihr erzählt,
steht das Wegfahren am Anfang und der Weg ist das Ziel. Der Rest allerdings
kommt in Greens Roman „Die erste Liebe [nach 19 vegeblichen Versuchen]“
eher ungewöhnlich daher: Die Jungen bleiben auf halbem Weg ins Irgendwo
in Gutshot/Tennessee hängen, weil hier angeblich der österreichische
Thronfolger Franz Ferdinand begraben liegt. Treffen dort, nein, nicht
auf die 20. Katherine, sondern auf Lindsay, deren Mutter, die einzige
(und ausgesprochen großzügige Arbeitgeberin) der Gegend, ihnen
einen Job für den Sommer anbietet.
Colin ist ohnehin hauptsächlich mit Leiden beschäftigt. Er arbeitet
daran, seine Erfahrungen mit den 19 Katherines in ein Theorem zu überführen,
eine mathematische Universalformel, an Hand derer sich ausrechnen lässt,
wer in einer Liebesbeziehung wen wann abserviert. Dass er uns trotzdem
sympathisch wird, ist das Verdienst von Hassan, der einen mehr als guten
Freund und Sparringpartner abgibt – und dem Leser dabei sehr ans
Herz wächst.
Doch die Story ist nicht alles an diesem Buch:Am laufenden Band werden
Anagramme gebildet, mathematische und andere sehr theoretische Probleme
gebastelt und auf wundersame Weise gelöst. Ja, der Plot ist sehr
konstruiert. Ja, die Figuren sind ausgesprochen ausgesucht, ja, die Gespräch
sind zum Teil sehr altklug oder pubertär. Aber Green beweist, dass
er mit seinem schrägen Humor und seiner Fähigkeit, geschliffene,
kluge und zugleich komische Dialoge zu schreiben, die Teile nicht nur
zusammenzuhalten, sondern ihnen auch Dynamik einzuschreiben vermag. So
ist dieses Buch nicht nur eine Hymne auf Freundschaft, nicht nur eine
Liebesgeschichte, sondern auch und nicht zuletzt ein großes Spiel.
Wie schon Greens Erstlingsroman „Alaska“ (mit dem Zeit-Luchs
ausgezeichnet und für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2008 nominiert)
versteht sich auch „An Aboundance of Katherines“, als ein
Buch für belesene Menschen. Ein Buch für Leser, die Freude an
Literatur haben, an ihren Regeln und Abweichungen – die Literatur
als ein Spiel nehmen, das auch unwahrscheinliche Varianten von tatsächlichem
oder möglichem Leben vorführt.
Und wie in „Alaska“ schickt Green auch hier höchst smarte
Helden auf die Reise, Figuren, die man mag, denen man auch im wirklichen
Leben gerne begegnen würde. Wenn es sein muss, auch in Gutshot/Tenneesse.
Aber dort sind sie natürlich längst nicht mehr. Weil sie sind
jung.
Franz Lettner für © DIE ZEIT LITERATUR,
Oktober 2008, Seite 98Nr. 21
Buch
des Monats - Archiv

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