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Buch des Monats Juni 2008
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Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur
Macht es euch auf einem von der Sonne aufgeheizten Bretterstapel gemütlich
und hört mir zu, fordert uns der Erzähler auf und beginnt seine
Geschichte. »Liselotte, Karotte! Piccolomini! Kikeriki!«,
ruft da ein aufrechtes, fröhliches, dünnes Etwas, das sich trotz
der um den mageren Oberkörper geschlungenen Stahlkette leicht über
die Felder bewegt. So erzählt er, und schon bald sind wir verzaubert
von dem wilden Kind, das früher, so vernehmen wir, eine brave und
ängstliche Bettina von nebenan war. Doch dann begegnete sie einem
riesigen Hund namens Schwarzer Mülleimer und wurde zu Betti Kettenhemd.
Jetzt ist aus der Bestie ein »Fellsack, randvoll mit Genuss«
geworden, der mit dem Mädchen über die Felder rennt. Es ist
eine wahre Freude, wie sie den Freizeitjäger Müller-Meckel,
pardon: Dr. Müller-Meckel, so viel Platz muss sein, seines Zeichens
Vorsteher und Stellvertreter und immer in Sorge um die Ordnung in seinem
Revier, an der Nase herumführt. Oder dem Ehepaar Gundermann –
das penetrant den Duft des Wohlstandes verbreitet – zeigt, was ein
lustvoller Umgang mit Sprache ist. Und man nickt wohlwollend, wenn sie
von Tek-tek, dem Rebhuhn, viel über das Leben in der Natur lernt.
»Kinder, war das ein Sommer.«
Aber Paradiese sind nicht von Dauer. Als Schwarzer Mülleimer verschwindet,
tut sich ein Abgrund auf. So grenzenlos die Lebenslust des Mädchens
war, so groß ist jetzt ihre Traurigkeit. Sie hört auf, über
die Felder zu rennen, sie hört auf zu essen… Dass Betti schließlich
überlebt, hat dann übrigens mit einer Fischsuppe zu tun und
mit ihren Freunden, drei alten Männern: einem ehemaligen Kinderarzt,
nun Fischer, dem Traktoristen Dummbarsch und dem Erzähler. »Manchmal,
Kinder«, lehrt er, »ist es das Höchste, einfach nicht
kaputt zu gehen.«
Seit den achtziger Jahren schreibt der Leipziger Dichter Albert Wendt
Theaterstücke und Hörspiele. Auch Betti Kettenhemd war zuerst
ein – herausragendes – Hörspiel mit dem großartigen
Otto Sander in der Rolle des Erzählers, 1997 produziert vom MDR.
Die Buchfassung behält weitgehend den mündlichen Charakter.
Mit Betti Kettenhemd ist Albert Wendt eine Figur gelungen, die sich in
die kinderliterarische Tradition der elternlosen, »wilden«
Kinder nahtlos einreiht. Sie erinnert an Pippi Langstrumpf, natürlich,
auch an Mowgli, aber Betti ist unvergleichlich. Nicht zuletzt ist das
der Sprache des Autors zu verdanken: So eigen ist sie, wie die Heldin,
unbändig, wild und verspielt. Doch zugleich haftet ihr etwas fast
Altmodisches an, verstärkt durch jene Ansprache des Lesers und Zuhörers,
die das Buch auch zu einem außerordentlichen Vorlesebuch macht,
voller Melodien und Überraschungen.
Am Ende – so viel sei noch erzählt – wirft Dr. Müller-Meckel
seine Flinte ins Korn und verlässt das Revier. Betti springt wieder
mit zurückgeworfenem Kopf über die Felder. Und wir? Genau, es
ist einfach heftig ansteckend, wir rufen: »Majestät, Kriminalität,
Popularität, Pubertät, Täterätät!«
Franz Lettner für DIE ZEIT, 12.06.2008
Nr. 25
Buch
des Monats - Archiv

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