Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur

Macht es euch auf einem von der Sonne aufgeheizten Bretterstapel gemütlich und hört mir zu, fordert uns der Erzähler auf und beginnt seine Geschichte. »Liselotte, Karotte! Piccolomini! Kikeriki!«, ruft da ein aufrechtes, fröhliches, dünnes Etwas, das sich trotz der um den mageren Oberkörper geschlungenen Stahlkette leicht über die Felder bewegt. So erzählt er, und schon bald sind wir verzaubert von dem wilden Kind, das früher, so vernehmen wir, eine brave und ängstliche Bettina von nebenan war. Doch dann begegnete sie einem riesigen Hund namens Schwarzer Mülleimer und wurde zu Betti Kettenhemd. Jetzt ist aus der Bestie ein »Fellsack, randvoll mit Genuss« geworden, der mit dem Mädchen über die Felder rennt. Es ist eine wahre Freude, wie sie den Freizeitjäger Müller-Meckel, pardon: Dr. Müller-Meckel, so viel Platz muss sein, seines Zeichens Vorsteher und Stellvertreter und immer in Sorge um die Ordnung in seinem Revier, an der Nase herumführt. Oder dem Ehepaar Gundermann – das penetrant den Duft des Wohlstandes verbreitet – zeigt, was ein lustvoller Umgang mit Sprache ist. Und man nickt wohlwollend, wenn sie von Tek-tek, dem Rebhuhn, viel über das Leben in der Natur lernt. »Kinder, war das ein Sommer.«
Aber Paradiese sind nicht von Dauer. Als Schwarzer Mülleimer verschwindet, tut sich ein Abgrund auf. So grenzenlos die Lebenslust des Mädchens war, so groß ist jetzt ihre Traurigkeit. Sie hört auf, über die Felder zu rennen, sie hört auf zu essen… Dass Betti schließlich überlebt, hat dann übrigens mit einer Fischsuppe zu tun und mit ihren Freunden, drei alten Männern: einem ehemaligen Kinderarzt, nun Fischer, dem Traktoristen Dummbarsch und dem Erzähler. »Manchmal, Kinder«, lehrt er, »ist es das Höchste, einfach nicht kaputt zu gehen.«
Seit den achtziger Jahren schreibt der Leipziger Dichter Albert Wendt Theaterstücke und Hörspiele. Auch Betti Kettenhemd war zuerst ein – herausragendes – Hörspiel mit dem großartigen Otto Sander in der Rolle des Erzählers, 1997 produziert vom MDR. Die Buchfassung behält weitgehend den mündlichen Charakter. Mit Betti Kettenhemd ist Albert Wendt eine Figur gelungen, die sich in die kinderliterarische Tradition der elternlosen, »wilden« Kinder nahtlos einreiht. Sie erinnert an Pippi Langstrumpf, natürlich, auch an Mowgli, aber Betti ist unvergleichlich. Nicht zuletzt ist das der Sprache des Autors zu verdanken: So eigen ist sie, wie die Heldin, unbändig, wild und verspielt. Doch zugleich haftet ihr etwas fast Altmodisches an, verstärkt durch jene Ansprache des Lesers und Zuhörers, die das Buch auch zu einem außerordentlichen Vorlesebuch macht, voller Melodien und Überraschungen.
Am Ende – so viel sei noch erzählt – wirft Dr. Müller-Meckel seine Flinte ins Korn und verlässt das Revier. Betti springt wieder mit zurückgeworfenem Kopf über die Felder. Und wir? Genau, es ist einfach heftig ansteckend, wir rufen: »Majestät, Kriminalität, Popularität, Pubertät, Täterätät!«

Franz Lettner für DIE ZEIT, 12.06.2008 Nr. 25


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Albert Wendt
Betti Kettenhemd

Geschichten zum ersten Lesen

Illustrationen von Christian Hochmeister


Jungbrunnen 2008
ISBN 978-3-7026-5792-5
120 Seiten
Eur 13,90 | sFr 27,20 UVP

Verlag Jungbrunnen

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