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Buch des Monats Mai 2008
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Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur
Sei schlauer als deine Faust
Kinder sind Anfänger, immer und immer wieder. Sie sehen, hören,
spüren, erfassen etwas von Anfang an und fortwährend zum ersten
Mal. Lesen lernen, beispielsweise. Glücklich ist, wer da schon Erfahrung
mit Literatur gesammelt hat: mit Bilderbüchern aufgewachsen ist,
mit Geschichten, die zu seinem Leben gehören. Und dann lernen sie
lesen, mit Büchern, die für sie geschrieben sind, mit einfachen
Wörtern, einfachem Satzbau, wenig Personal. Nicht viele renommierte
Autoren wagen sich auf das schwierige Gebiet. Bart Moeyaert hat den Mut
dazu, mit drei Geschichten für im Leben erfahrene Anfänger.
Geschichte eins: Rosie findet einen Brief, geschrieben vom "Mann
deines Lebens", adressiert "An mein Herz". Sie kann nicht
anders als ihn einstecken und mit nach Hause nehmen, "Der Brief wollte
mit ihr mit." Die Mutter weiß, es ist ein Liebesbrief: "Sie
sind sich alle ähnlich. / An meinen Schatz, an meine Taube. / An
meinen Liebling, an mein Herz. / Und sie kommen immer von einem Mann.
/ Dem Mann des Lebens." Sie weiß auch, dass man keine fremden
Briefe liest. Es ist hart für Rosie, standhaft zu bleiben.
Geschichte zwei: Tom will eine Grube graben. Dass er ausgerechnet im Salatbeet
gräbt, findet die Mama schlimm: "Ich bin es leid", sagt
sie. / "Nie tust du das, was du tun sollst. / Ich will dich nicht
mehr sehen. / Du bist das lästigste Kind der Welt." / …
"Verschwinde!", sagen ihre Lippen. Tom ist es auch leid, er
will sich seine Grube woanders graben und dort wohnen. Seine Mutter soll
ihn nie mehr sehen. "Jedenfalls fast nie mehr." Er geht und
gräbt in einem kleinen Wäldchen unter jenem Baum, auf dem Bas
seine geheime Hütte hat. Die beiden freunden sich an, und als Toms
Mama ihn suchen kommt und findet, wird nicht gleich alles gut. Tom ist
ihr ständiges Schimpfen noch immer leid.
Geschichte drei: Marta und ihre Freunde werden in der Schule von Mona
gequält: getreten, geschlagen, gebissen. Petzen geht nicht. Zurückschlagen
geht auch nicht, sagt Martas Mutter: "Sei schlauer als deine Faust."
Und lakonisch: "Trink deine Milch aus." Dass die Quälerei
aufhört, ist schlussendlich der Milch zu verdanken, die in den Kopf
fließt, wenn man auf ihm steht. Sie macht das Hirn stark und schlau.
Rosie, Tom und Marta leben nicht im entschwundenen Land, wie jene sieben
glücklichen Brüder, von denen der belgische Schriftsteller Bart
Moeyaert zuletzt so wunderbar erzählt hat. Sondern in einer Welt,
in der Mütter genervt sind und andere Kinder unmenschlich werden.
Dem Alltag entleiht der Autor den Stoff für seine Minidramen, nimmt
den Blick der Kinder ein und schreibt für sie. Die Unbedingtheit,
mit der Rosie den Brief lesen muss, ist ihm ebenso ernst wie die Verbissenheit,
mit der Tom sein Loch gräbt und die Not Martas und ihrer Freunde
– "Wir sind fast tot. / Wirklich wahr." Es ist ihm ernst,
weil er nicht um Verständnis für die Erwachsenen heischt. Und
doch bleiben die Texte, die Moeyaerts Übersetzerin Mirjam Pressler
wie immer sehr fein ins Deutsche gebracht hat, leicht, fast lyrisch, es
gibt Raum für Komik und Tiefsinn. Unterstützt wird Bart Moeyaert
dabei von Rotraut Susanne Berner. Mit wenigen Strichen – und nur
einer Schmuckfarbe – gibt sie den Figuren nicht nur einen Körper,
sondern auch Charakter und Gefühl. Wenig kann sehr viel sein, wird
es mit großem Können eingesetzt.
Wenn Kinder Anfänger im Lesen sind, aber schon alte Hasen in Sachen
Literatur, das heißt die Erwartungen hoch sind, dann brauchen sie
solche Bücher. (ab 6 Jahren)
Franz Lettner für © DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21 (Das Buch wurde
als Luchs 255 ausgewählt von Gabi Bauer, Marion Gerhard, Franz Lettner,
Hilde Elisabeth Menzel und Konrad Heidkamp.)
Siehe Die
Zeit und Radio
Bremen
www.radiobremen.deoder/podcast/luchs
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