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Buch des Monats Dezember 2007
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Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur
In die meisten Abenteuer rutscht man hinein, ohne sie geplant zu haben.
So landet die vierzehnjährige Symone in Geraldine McCaughreans neuem
Jugendroman „Weiße Finsternis“ auf einer Reise in die
Antarktis – ungeplant, aber auch nicht unfreiwillig: Denn schließlich
geht damit ihr Traum in Erfüllung. Das schüchterne, zurückgezogene
Mädchen identifiziert sich völlig mit der Isolation und Stille
des weißen Kontinents; zum imaginären Freund hat sie sich Captain
Titus Oates erwählt, vor neunzig Jahren verstorbener Teilnehmer an
der Südpolexpedition Robert Scotts. Er begleitet sie – für
Symone physisch anwesend – fast immer und überall, mit ihm
führt sie lange Gespräche, er kommentiert und relativiert, was
sie erlebt und fühlt. Er ist Ratgeber, Vertrauter, tröstender
Partner, Seelenverwandter.
Verantwortlich für die scheinbar spontane Fahrt ins ewige Eis ist
Symones Wahlonkel Victor, ein Freund der Familie, der die Begeisterung
des Mädchens initiiert und gefördert hat. Dass er ein ziemlich
schräger und unkonventioneller Charakter ist, der auch schon mal
die sim-Karte seines Handys aufisst, wird schon zu Anfang des Buches klar.
Doch dass er die Reise exakt geplant hat und nicht nur im übertragenen,
sondern im wörtlichen Sinn über Leichen geht, um seine Interessen
zu verfolgen, entdeckt Symone und mit ihr der Leser erst im Verlauf der
Geschichte.
Denn Victor ist nicht der liebe Onkel, sondern ein Verrückter, der
von der Idee besessen ist, unterirdische Labyrinthe mit dort lebenden
Menschen zu finden. Deren Entdeckung soll den Höhepunkt seines Lebenswerks
bilden, und Symone soll sein Zeuge sein. So findet sie sich – nunmehr
unfreiwillig – mit ihm und zwei anderen Männern auf einer wahnwitzigen
Fahrt durch die Antarktis wieder, die sie nur knapp überlebt.
„Weiße Finsternis“ lässt an Dynamik und Action
nichts zu wünschen übrig. Es erzählt mit kontinuierlich
steigendem Tempo, bis sich die Ereignisse überschlagen. Doch das
Buch fesselt nicht nur mit seiner hohen Spannungsdichte, sondern vor allem
auch durch seinen Humor. Der lakonischer Grundton von Titus Oates prägt
die köstlich zu lesenden Dialoge, beißende Selbstironie zieht
sich durch alle Schilderungen und Selbstdarstellungen der Ich-Erzählerin.
Wenn sie das ins Stocken geratene Gespräch mit einem attraktiven
Jungen mit dem Satz: „Ich habe gehört, dass Pinguine stinken“
wieder in Gang zu bringen versucht oder auf die Frage, was ihr Onkel beruflich
macht, mit „Ja, ich weiß“ antwortet, braucht es keine
weiteren Erklärungen.
Doch ihr Gefühl, dass sie in der Antarktis größer ist
als anderswo, täuscht sie nicht. Hier, wo andere sich angesichts
der Weite und Leere unbedeutend und klein fühlen, wächst sie
über sich selbst hinaus. Wird so groß, dass sie – die
bisher verlachte Außenseiterin – am Ende für wesentlich
älter eingeschätzt wird als sie ist und erstmals um ein Rendevouz
gebeten wird.
Denn auch das hat in diesem vielschichtigen, komplexen Text Platz: Die
Selbstzweifel und Nöte eines schüchternen jungen Mädchens.
Dass sie ihren ersten Kuss ausgerechnet von einem bezahlten Schauspieler
bekommt, der eigens für sie zu der arktischen Expedition engagiert
wurde, ist zwar Pech, aber angesichts der Umstände auch nicht wirklich
wichtig.
Die britische Autorin Geraldine Mc Caughrean ist keine Unbekannte. In
den vergangenen 20 Jahren hat sie über 130 Bücher und Theaterstücke
geschrieben, darunter auch mehrfach ausgezeichnete jugendliterarische
Texte. In ihrem neuen Jugendroman ist ihr das Kunststück gelungen,
Unterhaltung mit Anspruch, Spannung mit Reflexion, historischen Hintergrund
bruchlos mit fiktiver Handlung zu verbinden. „Weiße Finsternis“ist
ein Abenteuer, auf das man sich als Leser mit ausgesprochenem Vergnügen
einlässt.
Karin Haller
Buch
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