Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur


Ich will mal Gott werden, wenn ich groß bin

Über die beiden neuen Romane von David Almond und Mirjam Pressler. Zwei Geschichten – kein Vergleich

Zweimal ein Klumpen Lehm, nach Menschenbild geformt, zum Leben erweckt. Zweimal religiös motivierte Dynamik – zwei unvergleichliche Geschichten. Zum einen: die Neubelebung der jüdischen Golem-Legende, die in ihrer populärsten Variante dem in Prag wirkenden Rabbi Jehuda Löw (1512–1609) zugeschrieben wird. Zum andern: die einem zwanghaften Katholizismus entsprungene Omnipotenzphantasie eines künstlerisch begabten Jugendlichen im England der 1960er-Jahre. In beiden Geschichten stoßen zwei junge Menschen in einer sensiblen Lebensphase auf Beunruhigendes, eigentlich Unfassbares. Aufgeworfen werden ähnliche Fragen, in denen es vor allem auch darum geht, ob der Mensch künstliches Leben erschaffen „darf“: Bei Pressler (Mirjam Pressler: Golem, stiller Bruder. Weinheim: Beltz & Gelberg 2007 | 376 S. | € 17,40 | ab 12) wird dieser Diskurs hauptsächlich in religiöser Hinsicht geführt (Wenn der Mensch Leben schafft, nähert er sich Gott oder entfernt er sich von ihm? Pressler S. 359); bei Almond – ausgehend vom Status quo der 1960er – darüber hinaus auch in ethischen (Es heißt, eines Tages wird man Leben im Reagenzglas erzeugen können. Almond S. 97) bzw. ästhetischen Zusammenhängen, ausgelöst durch die Diskussionsimpulse eines Kunstlehrers (Ist menschliche Schöpferkraft gleich Gottes Schöpferkraft? Almond S. 81). Immer taucht dabei aber ein Problem auf: [...] dass wir vielleicht nicht wissen, wann wir aufhören sollen. Almond S. 97

Eine ganz andere Geschichte erzählt David Almond. Er verankert Lehmann oder die Versuchung an dem Ort, an dem er aufgewachsen ist, verwendet biographische Einsprengsel und verleiht damit Figuren und Plot eine spezifische Authentizität, die er durch die Erzählperspektive noch untermauert. In das vom Katholizismus geprägte Setting mischt er mysteriöse Elemente, zieht damit eine Ebene ein, die auf etwas „Anderes“ verweist, und lässt dieses „Fremde“ wohl dosiert ins Geschehen einsickern, bis die Ereignisse schließlich völlig davon bestimmt werden. Ich-Erzähler David, Ministrant mit intaktem familiären und sozialen Hintergrund, trifft auf Stephen Rose. Der ist ein Blender mit manipulativen Fähigkeiten. Und er formt Figuren aus Lehm, die für alle erstaunlich „lebendig“ sind. Mit seiner Nachdrücklichkeit, seiner bedrohlichen Unberechenbarkeit bindet er den verunsicherten David mehr und mehr an sich. Seine Botschaften sind ebenso eindeutig wie verführerisch – eine Versuchung: Zusammen haben sie die Macht, Leben zu schaffen ... ein Wesen, das uns begleiten und beschützen wird. Ein Wesen, das ihn [d.i. Feind Mouldy] sogar töten wird, wenn wir ihm das befehlen.

Während die Motivation (und Legitimation), ein Wesen zu erschaffen, bei Pressler in der jüdischen Überlieferung verankert ist und – zum Schutz der Gemeinde – von einem ausgeführt wird, der durch sein Amt und seine Weisheit dazu „befugt“ ist, basiert der „Schöpfungsakt“ bei Almond auf der religiös überspannten, pubertären Anmaßung eines psychisch instabilen Jugendlichen mit rein egoistischen Machtphantasien. Und während die noch unbelebte Materie des Golem mittels Sprachmagie, durch religiös-rituelle Kräfte zum Leben erweckt wird, inszeniert Stephen Rose für David ein scheinbar ebenfalls religiös aufgeladenes Pseudoritual, das die beiden in einen tranceartigen Zustand versetzt, sodass die aus Lehm geformte Figur sich am Ende tatsächlich zu erheben scheint. Weil David in Panik davonläuft, weiß er auch nicht, wie sein Erzfeind Mouldy tatsächlich zu Tode gekommen ist. Und Almond schafft es grandios, die tragischen Geschehnisse in mehrdeutiger Schwebe zu halten. Überwältigt von der Intensität der Ereignisse, droht David den Bezug zur Realität zu verlieren, sieht und hört Lehmann immer und überall. Auch er empfindet etwas für dieses Wesen – Gefühle, die seine eigene Unsicherheit, Einsamkeit und Sehnsucht nach Nähe widerspiegeln. Er weiß, er muss sich lösen, einen Endpunkt setzen, indem er Lehmann „sterben“ lässt. In einem – auch physisch – ausgetragenen Kampf überwindet David schließlich Stephens Macht und gewinnt damit wieder Boden. Lehmann, vom Regen etwas aus der Form geraten, bleibt zwar noch länger „sichtbar“, wird aber als zerfallendes Kunstobjekt definiert, aus dessen „Herz“ nunmehr eine Rose wächst.

Elisabeth Wildberger für "1000 und 1 Buch"


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David Almond:
Lehmann oder die Versuchung


Aus dem. Engl. von Ulli Günther und von Herbert Günther

Hanser 2007
ISBN 978-3-446-20904-6
240 Seiten
Eur-D 14,90 | Eur-A 15,40| sFr 26,00

Hanser Verlag

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