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Buch des Monats September 2007
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Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur
Ich will mal Gott werden, wenn ich groß bin
Über die beiden neuen Romane von David Almond und Mirjam Pressler.
Zwei Geschichten – kein Vergleich
Zweimal ein Klumpen Lehm, nach Menschenbild geformt, zum Leben erweckt.
Zweimal religiös motivierte Dynamik – zwei unvergleichliche
Geschichten. Zum einen: die Neubelebung der jüdischen Golem-Legende,
die in ihrer populärsten Variante dem in Prag wirkenden Rabbi Jehuda
Löw (1512–1609) zugeschrieben wird. Zum andern: die einem zwanghaften
Katholizismus entsprungene Omnipotenzphantasie eines künstlerisch
begabten Jugendlichen im England der 1960er-Jahre. In beiden Geschichten
stoßen zwei junge Menschen in einer sensiblen Lebensphase auf Beunruhigendes,
eigentlich Unfassbares. Aufgeworfen werden ähnliche Fragen, in denen
es vor allem auch darum geht, ob der Mensch künstliches Leben erschaffen
„darf“: Bei Pressler (Mirjam Pressler: Golem, stiller Bruder.
Weinheim: Beltz & Gelberg 2007 | 376 S. | € 17,40 | ab 12) wird
dieser Diskurs hauptsächlich in religiöser Hinsicht geführt
(Wenn der Mensch Leben schafft, nähert er sich Gott oder entfernt
er sich von ihm? Pressler S. 359); bei Almond – ausgehend vom Status
quo der 1960er – darüber hinaus auch in ethischen (Es heißt,
eines Tages wird man Leben im Reagenzglas erzeugen können. Almond
S. 97) bzw. ästhetischen Zusammenhängen, ausgelöst
durch die Diskussionsimpulse eines Kunstlehrers (Ist menschliche Schöpferkraft
gleich Gottes Schöpferkraft? Almond S. 81). Immer taucht dabei
aber ein Problem auf: [...] dass wir vielleicht nicht wissen, wann
wir aufhören sollen. Almond S. 97
Eine ganz andere Geschichte erzählt David Almond. Er verankert Lehmann
oder die Versuchung an dem Ort, an dem er aufgewachsen ist, verwendet
biographische Einsprengsel und verleiht damit Figuren und Plot eine spezifische
Authentizität, die er durch die Erzählperspektive noch untermauert.
In das vom Katholizismus geprägte Setting mischt er mysteriöse
Elemente, zieht damit eine Ebene ein, die auf etwas „Anderes“
verweist, und lässt dieses „Fremde“ wohl dosiert ins
Geschehen einsickern, bis die Ereignisse schließlich völlig
davon bestimmt werden. Ich-Erzähler David, Ministrant mit intaktem
familiären und sozialen Hintergrund, trifft auf Stephen Rose. Der
ist ein Blender mit manipulativen Fähigkeiten. Und er formt Figuren
aus Lehm, die für alle erstaunlich „lebendig“ sind. Mit
seiner Nachdrücklichkeit, seiner bedrohlichen Unberechenbarkeit bindet
er den verunsicherten David mehr und mehr an sich. Seine Botschaften sind
ebenso eindeutig wie verführerisch – eine Versuchung: Zusammen
haben sie die Macht, Leben zu schaffen ... ein Wesen, das uns begleiten
und beschützen wird. Ein Wesen, das ihn [d.i. Feind Mouldy] sogar
töten wird, wenn wir ihm das befehlen.
Während die Motivation (und Legitimation), ein Wesen zu erschaffen,
bei Pressler in der jüdischen Überlieferung verankert ist und
– zum Schutz der Gemeinde – von einem ausgeführt wird,
der durch sein Amt und seine Weisheit dazu „befugt“ ist, basiert
der „Schöpfungsakt“ bei Almond auf der religiös
überspannten, pubertären Anmaßung eines psychisch instabilen
Jugendlichen mit rein egoistischen Machtphantasien. Und während die
noch unbelebte Materie des Golem mittels Sprachmagie, durch religiös-rituelle
Kräfte zum Leben erweckt wird, inszeniert Stephen Rose für David
ein scheinbar ebenfalls religiös aufgeladenes Pseudoritual, das die
beiden in einen tranceartigen Zustand versetzt, sodass die aus Lehm geformte
Figur sich am Ende tatsächlich zu erheben scheint. Weil David in
Panik davonläuft, weiß er auch nicht, wie sein Erzfeind Mouldy
tatsächlich zu Tode gekommen ist. Und Almond schafft es grandios,
die tragischen Geschehnisse in mehrdeutiger Schwebe zu halten. Überwältigt
von der Intensität der Ereignisse, droht David den Bezug zur Realität
zu verlieren, sieht und hört Lehmann immer und überall. Auch
er empfindet etwas für dieses Wesen – Gefühle, die seine
eigene Unsicherheit, Einsamkeit und Sehnsucht nach Nähe widerspiegeln.
Er weiß, er muss sich lösen, einen Endpunkt setzen, indem er
Lehmann „sterben“ lässt. In einem – auch physisch
– ausgetragenen Kampf überwindet David schließlich Stephens
Macht und gewinnt damit wieder Boden. Lehmann, vom Regen etwas aus der
Form geraten, bleibt zwar noch länger „sichtbar“, wird
aber als zerfallendes Kunstobjekt definiert, aus dessen „Herz“
nunmehr eine Rose wächst.
Elisabeth Wildberger für "1000
und 1 Buch"
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