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Buch des Monats August 2007
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Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur
Die besten Beerdigungen
Auf den Tag folgt die Nacht.
Auf das Wachen folgt der Schlaf.
Auf die Arbeit folgt die Ruhe.
Auf das Leben folgt der Tod.
(Karl Philipp Moritz: Neues ABC Buch.
Ill. von Wolf Erlbruch, Kunstmann 2000)
In der Literatur ist der Tod so gegenwärtig wie im Leben. Die Kinderliteratur
macht diesbezüglich keine Ausnahme und auch Bilderbücher, in
denen der Tod auf- und ein Lebewesen abtritt, sind zahlreich. Darunter
so großartige wie Ulf Nilssons „Adieu Herr Muffin“ (illustriert
von Anna-Clara Tidholm; bei Moritz in der vierten Hardcover-Auflage erhältlich;
bei Beltz & Gelberg in der kleinen günstigen „Minimax“-Reihe)
oder das ebenfalls von Nilsson stammende „Die besten Beerdigungen
der Welt“ (illustriert von Eva Eriksson, auch bei Moritz!). Mit
Peter Schössows „Gehört das so??! Die Geschichte von Elvis“
(Hanser 2005) hat es ein Buch über den Tod sogar bis zum Deutschen
Jugendliteraturpreis geschafft.
Auch Bilderbücher über am Ende ihres Lebens stehende oder eben
gestorbene Großväter sind in den letzten Jahren mehrere erschienen:
Jutta Treibers von Jens Rassmus illustriertes Buch „Der Großvater
im rostroten Ohrensessel“ (Österreichischer Kinderbuchpreis
2007, Dachs 2006) oder Heinz Janischs von Aljoscha Blau bebilderte „Rote
Wangen“ (Aufbau 2005), um nur zwei zu nennen. (Für Interessierte
sei auf eine Buchliste zu den Themen Sterben, Tod und Trauer verwiesen,
die von der STUBE unter dem Titel „Deine Nähe spür ich
noch …“ publiziert wurde; www.stube.at).
Der Tod ohne Stachel
Hush. I thougt I heard him call my name. It wasn’t so loud,
it was so nice and plain. (Cassandra Wilson: Death Letter)
Und nun also auch ein Bilderbuch von Erlbruch zum Tod. Wobei es nicht
dessen erster Auftritt in einem Erlbruch-Buch ist: Erinnern wir uns an
die Totenbahrenträger im weißen Kittel in einem Bild zu Moritz’
„ABC Buch“. Oder an den melancholisch blickenden Tod im Clownskittel,
der auf „Die große Frage“ lebensbejahend antwortet:
„Du bist auf der Welt um das Leben zu lieben.“ Und jetzt also
Titel gebend, Raum füllend und endgültig: „Ente, Tod und
Tulpe“.
Auf der linken Seite steht eine schlanke Ente vor einer angedeuteten Holzwand,
der Kopf auf empor gestrecktem Hals nach hinten gewandt, der Ausdruck
erstaunt, pikiert. Auf der rechten der Tod, gewandet in einen einfachen
Mantel, der, wie der leicht gebeugte Rücken und die Filzpantoffeln,
an eine alte Frau denken lässt. In der einen Hand hält er, für
die Ente hinterm Rücken verborgen, eine schwarze Tulpe. Trotz des
Totenschädels auf dem zarten Körper macht er einen sanften Eindruck.
Oder ist es Gleichmut? Beide Figuren stehen freigestellt auf der weißen
Blattfläche, wie sie es auf fast allen folgenden Seiten tun werden.
Schon länger hatte die Ente so ein Gefühl.
„Wer bist du – und was schleichst du hinter mir her?“
„Schön, dass du mich endlich bemerkst“, sagte der Tod.
„Ich bin der Tod.“
Das ist die erste Doppelseite des neuesten Buches des großen Meisters
aus Wuppertal, das sich in Text wie in den Bildern überaus gelassen,
karg, klar und leise mit dem Sterben als letztem (aber doch) Teil des
Lebens befasst. Ente und Tod verbringen ein paar Tage in beschaulich zartem
Totentanz mit leichtem Spiel und tiefem Gespräch, zuerst wärmt
die Ente den Tod, dann ist es umgekehrt und aus.
Das Buch ist der Versuch der Versöhnung des Lebens mit seinem Ende,
das schließlich zum Leben gehört, von Anfang an. Hier hat der
Tod keinen Stachel. Hier zieht der Protestmarsch gegen ihn, den –
nicht nur – die Bremer Stadtmusikanten mit ihrem Etwas Besseres
als den Tod finden wir allemal begleiten und den einer wie Elias Canetti
mit seiner hasserfüllten Verfluchung des Todes anführen könnte,
unbeachtet vorbei. Das ist wohl auch die Ursache des Gefühls –
oder ist es Angst –, die sich bei der Lektüre von „Ente,
Tod und Tulpe“ einstellt, dass es nämlich so einfach nicht
ist mit dem Ende genannt Tod. Dass so kampflos niemand gehen sollte. Aber
dann fällt mir ein, was die Ente auf „Die großes Frage“
geantwortet hat: Ich habe überhaupt keine Ahnung. Erklärt das
nicht einiges? Trotz dieser Angst – oder wegen ihr: „Ente,
Tod und Tulpe“ ist überwältigend und tröstlich.
Franz Lettner für "1000 und 1 Buch"
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