Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur

Im kinderliterarischen Nachttierhaus trifft man auf eine besondere Spezies an Getier: Wichtigstes Merkmal dieser fiktionalen Vierbeiner ist, dass diese Geschöpfe nur für Kinder sichtbar sind; ängstlich herbeigerufene Eltern treffen diese mit allen Wassern gewaschenen Biester (fast) niemals an. Auf dem freien Buchmarkt sind sie vorzugsweise in Kinderzimmern angesiedelt, einige leben aber auch in dunklen Kellerabteilen oder an anderen grauslichen Orten. Tagsüber dämmern diese Wesen still vor sich hin, erst nach dem abendlichen Lichtauslöschen werden sie in der Regel aktiv und zerreißen das traumschwere Dunkel.

Von so einer wunderlichen Begegnung erzählt der Schweizer Autor Jörg Schubiger. Ein kleines Mädchen bekommt Besuch von einem (erfundenen?) weißen und einem (echten?) schwarzen Bären. Die beiden Viecher bevölkern ihr Kinderzimmer und erzählen ihre dunklen Weisheiten. Am morgendlichen Frühstückstisch erfährt die staunende Mutter von diesen Nachtgestalten. Das Mädchen berichtet, was der weiße Bäre gesagt habe. Er meint, dass sich nachts die Puppen im Dunkeln fürchten. Merkwürdig ist indes, dass das Mädchen auch erzählt, dass der weiße Bär schweigt! Doch in dieser verschwiegenen Redseligkeit ist er dem schwarzen Bären ganz verwandt. Auch er erscheint ihr nachts und bevölkert stumm das traumverhangene Zimmer. Von diesem stillen Freund vernimmt man: Die Nacht ist zutraulich. Die Kinder fürchten sich nicht. Nur die Räuber und Diebe.

Der Schweizer Meister der poetisch-feinen Kindheitskonfiserie spinnt in diesem schön gestalteten Bilderbuch eine zarte Wachträumerei. Kunstvoll verschränkt er dabei kindliche Ängste ebenso wie mutige Überlistungseinfälle, die das Dunkel zu entdämonisieren versuchen. Verwundert folgt man den Wendungen der Erzählungen, den Paradoxa und Widersprüchen des Erzählten, die das Erzählte als Gelogenes bezeichnen, das Gesagte als Schweigen ausgeben, die nächtlich erlebte Angst den Puppen zuschreiben und gleich im Doppelpack Bären ersinnen. Und gleichzeitig fasst dieser lose gewobene Erzählfaden das nächtliche Erleben zu einem durchaus stimmigen Bild.

Die Illustratorin Eva Muggenthaler entwirft zu diesem kunstvoll verschränkten Gedankenspiel eindrückliche Szenen, die sowohl das nächtliche Kinderzimmerleben als auch den frühstücklichen Alltag wiedergeben. Ihre Nachtbilder sind von den bärenhaften Schwarz-Weiß-Kontrasten dominiert. Die traumverlorenen Illustrationen, die ausschnitthaft das Kinderzimmerinventar zitieren und mit schrägen Perspektiven die Szenerie anreißen, sind in kreideweichen Dämmer getaucht. Einige warme Farbtupfer hellen freundlich diese surreal anmutenden Szenerien auf.

Beim Betrachten und Lesen dieses Buches staunt man über diese grandiosen und doch mit scheinbar leichter Hand entworfenen Inszenierungen. Die Kunstfertigkeit von Text und Illustration lässt einen durch diese feine Nachtgeschichte treiben – staunend, vergnügt und ein bisschen schläfrig.

Caroline Roeder für "1000 und 1 Buch"


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Jürg Schubiger / Eva Muggenthaler:
Der weiße und der schwarze Bär


Peter Hammer 2007
ISBN 978-3-7795-0078-0
32 Seiten
Eur-D 14,90 | Eur-A 15,40| sFr 26,30

Peter Hammer Verlag

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