| |
Buch des Monats Mai 2007
|
|
Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur
Bilder können Stimmungen herbeizaubern, Welten auftauchen lassen
und Geschichten erzählen. Davon handelt David Wiesners Buch „Strandgut“,
und daher ist es ein Buch, das sich ganz auf die Wirkung seiner Bilder
verlässt und ohne Worte auskommt.
Ein Junge hat sich für einen Tag am Strand mit Lupe und Mikroskop
ausgerüstet, um alles genau betrachten zu können. Erst nimmt
er eine Krabbe ins Visier. Als mit einer Welle eine alte Unterwasserkamera
an den Strand gespült wird, lässt der Junge den Film aus der
Kamera entwickeln. Die Fotos geben überraschende Einblicke in das
Leben im Meer: Seesterne, so groß wie Inseln, balancieren auf ihren
Armen, zwischen denen Wale schwimmen. Kleine grüne Männchen
sind mit ihrer fliegenden Untertasse abgetaucht und haben Kontakt zu Seepferdchen
und Fischen aufgenommen.
Auf einem Foto aber ist ein Kind zu sehen, das ein Foto in der Hand hält,
auf dem ein Kind zu sehen ist, das ein Foto in der Hand hält, auf
dem ein Kind zu sehen ist usw. Per Mikroskop taucht der Junge ein in die
Räume und Zeiten dieser in der Tiefe schwarzweißen Bilderwelt
– und fügt ihr schließlich sein eigenes Porträt
hinzu. Dann wirft er die Kamera zurück ins Meer, damit sich die Geschichte
fortsetzen kann. Welche Bilder wird die Kamera nun festhalten?
Den spannungsgeladenen Kontrast zwischen einem ganz normalen Urlaubstag
am Meer und der surrealen Welt unter Wasser vertieft Wiesner durch einen
ständigen Wechsel: von Nah- und Totalaufnahmen, von Bildern, die
eine Doppelseite einnehmen, und anderen, die nur so groß sind wie
ein Passbild.
Mal wird einem Detail Raum gegeben, werden wie mit einer Kamera Dinge
und Gesichter herangezoomt, wenn ein Augenblick ganz von einer überraschenden
Entdeckung ausgefüllt wird. Dann wieder forciert Wiesner die Handlung,
indem sich auf einer Seite viele Einzelbilder wie bei einem Storyboard
aneinanderreihen, etwa wenn der Junge vor dem Fotogeschäft ungeduldig
auf die Entwicklung des Films wartet. Der Amerikaner David Wiesner zeichnet
Bilder, die staunen machen und kombiniert sie so, dass wir uns wie im
Kino fühlen, wenn wir sein Buch aufklappen. Dass wir einen Stummfilm
sehen, macht die Bilder nur beredter.
Christina Rademacher für "1000
und 1 Buch"
Buch
des Monats - Archiv

nach oben
|
|