Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur

Die blaue Teekanne dampft, der Ofen glüht, draußen sind die Bäume kahl. Im Winter des Lebens ist im Idealfall Zeit, den Enkeln von früher zu erzählen. Weil der drahtige Großvater in seinem Stuhl aber so lebhaft schaukelt, als sei er selbst noch ein ungeduldiger Schüler, bleibt zunächst verborgen, daß "Rote Wangen" von Heinz Janisch und Aljoscha Blau auch vom Altwerden und Sterben handelt.

Ein Aufsatzthema wie "Mein Großvater" scheint den Enkel dazu gebracht zu haben, dessen Geschichten von gefährlich süßen Honigkuchen, Knödel essenden Schneemenschen und famosen Bergschnabeltieren aufzuschreiben. Man sieht liniertes Heftpapier, darauf kurze Sätze in sorgfältigen Schönschrift-Druckbuchstaben. Ungelenke kleine Tintenkritzeleien fingieren Versuche des Jungen, jene eindrücklichen Bilder wiederzugeben, die er von Großvaters Geschichten im Kopf hat. Zum Glück liefert Aljoscha Blau sie auf der gegenüberliegenden Seite in ihrer ganzen stillen Pracht. Vom großen Krieg gibt es kein Panorama, doch zur glücklichen Rückkehr einen kinderkompatiblen Familienmythos: "Einmal - im Krieg - da wollte mein Großvater nur noch nach Hause. Da ist er mit dem Fallschirm abgesprungen und genau auf seinem Schaukelstuhl im Garten gelandet."

Einige Motive und Gegenstände, die für den Jungen zum Großvater gehören, entdeckt man mehrfach. Bestimmte Streifen auf Pullunder, Mütze und Schaukelstuhlbespannung, die blaue Teekanne oder die Silhouette einer Großstadt, die auf einem winzigen Bild an der Wand zu sehen ist und sich unter dem im Bett um die Welt segelnden alten Mann ausbreitet. Guckkastenhaft, zugleich realistisch und phantastisch entsteht eine karg aufs Wesentliche zurückmöblierte Lebenslandschaft. In der Phantasie des Jungen sieht das Opa-Kind ältlich, der alte Opa trotz Falten jugendlich aus. Kindheit und Greisenalter, Opas Erzählungen und Enkels Phantasie sind nicht voneinander zu trennen.

Ein besonderer Draht und seine Erinnerung verbinden den Jungen auch ohne Schulaufgabe mit seinem Großvater - nicht nur, weil er dessen frische Gesichtsfarbe geerbt hat. Der Tod des Großvaters wird lediglich zu einer weiteren phantastischen Geschichte aus dem gemeinsamen Fundus. "Rote Wangen" ist nicht derart in sich geschlossen wie Jutta Bauers unschlagbares "Opas Engel", aber ein schönes tröstliches Buch ist es trotzdem.

Annette Zerpner für "1000 und 1 Buch"


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Heinz Janisch / Aljoscha Blau: Rote Wangen

Aufbau Verlag 2005
ISBN 3-351-04062-8
32 Seiten
Eur-D 15,00 | Eur-A 15,50
SFr 27,40

Aufbau Verlag

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