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Buch des Monats Mai 2005
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Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur
Wer Geschichten erzählt, sollte sich der Verantwortlichkeit für seine Figuren bewusst sein. Wer also eine Geschichte zu erzählen beginnt und schon nach dem einleitenden „Es war einmal…“ ganz dringend zu einem Telefongespräch mit der anderen Seite der Welt gerufen wird, darf sich nicht wundern, wenn sowohl in der Geschichte, die er gerade zu erzählen versucht, als auch in der Geschichte, in der er gerade handelt, manches durcheinander gerät: Indem nämlich die zur Gute-Nacht-Geschichte ansetzende Mutter zum Telefon eilt, fällt eine Figur aus ihrer begonnenen Geschichte heraus und landet in jener Geschichte, die uns zu diesem Zeitpunkt erzählt wird. Da die Geschichte, aus der das kleine, hilflose Wesen heraus gefallen ist, aber GERADE erst angefangen hat, weiß das arme Wurm noch gar nichts von sich – und kann dem (geschlechtsneutralen) kindlichen Ich-Erzähler unserer Geschichte nur mit den Worten „Weißnich“ begegnen. Dieser jedoch versucht engagiert dem kleinen „Weißnich“ in dessen Geschichte zurück zu helfen: Die klassischen Anfangsworte „Es war einmal…“ werden zur Beschwörungsformel, die die beiden verlorenen Wesen an ihren eigentlichen Platz in der Welt des Erzählten zurückführen soll; doch wie die richtige Geschichte finden, wenn so zahlreiche Geschichten mit „Es war einmal…“ beginnen?
Die belgische Autorin und Illustratorin nutzt das ganz im literarischen Trend liegende Spiel mit dem Konstruktcharakter des Fiktionalen für eine charmant präsentierte und außerordentlich unterhaltsame Reise durch die Welt des Erzählens und seiner (sprachlichen und grafischen) Möglichkeiten. Garniert mit kleinen philosophischen Einsprengseln wird (im wörtlichen wie übertragenen Sinn) ein Bilderbogen entworfen, der die beiden anrührenden Figuren mit so zahlreichen Erzählmöglichkeiten konfrontiert, dass ein Erkranken am „Stelldirvor“ zu befürchten ist. Wie gut, dass letztlich wieder einmal die Erkenntnis zu tragen kommt, dass Figuren immer noch die eigentliche Autorität ihrer Geschichte sind.
Heidi Lexe für "1000 und 1 Buch"
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