Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur

Prächtig: In Kanada leben vier Jungs, die schier Übermenschliches geleistet haben. Dafür wurden Rudolpho, Island, Snickers und Zement durch die Talkshows geschleift und gehörig bewundert. Und jetzt gibt es ihre Geschichte auch im Jugendbuch – von ihnen selbst erzählt. Das Autorenduo Victor Caspak und Yves Lanois hat aus ihren Berichten ein Buch gemacht, das der Kurzhosengang – so der Name der kleinen Gemeinschaft – wirklich gerecht wird.

Die vier entsprechen den soziologischen Erkenntnissen über diese Altersgruppe: Sie sind frech und selbstbewusst und haben doch die Hosen voll. Sie sind ganz Kind und sehen zum Beispiel ohne Mühe in ihren Fahrrädern wilde Harleys. Gleichzeitig sind sie schon erwachsen und sehen sich aus ironischer Distanz: „Island bremst, kickt den Seitenständer seiner Maschine raus und prüft seine Frisur im Chrom des Auspuffs.“ Wenn die Eltern von Snickers in ihr Wochenendhaus fahren, nutzen die Jungs die sturmfreie Bude für die lange Horror-Video-Nacht. Ins Kino dürfen sie nämlich nur am Nachmittag, aber da laufen ihre Lieblingsfilme wie „Blutiges Massaker“ nicht. „Da wir aber nun mal elf Jahre alt sind, haben wir keine große Auswahl“, bemerkt Rudolpho einsichtig resigniert.

Zu Helden sind sie geworden, als ein Sturm ihre in einem ehemaligen Gefängnis eingerichtete Schule weggeblasen hat. Bei der Evakuierung wurde die Klasse im Keller – dort befindet sich der Turnsaal – vergessen. Nach dem Zusammenbrechen des Gebäudes, bei dem wie durch ein Wunder die Tür zum Turnsaal frei blieb, haben sich die vier kurzbehost und im T-Shirt durch den Schneesturm gekämpft und den Rest der Klasse und die beiden Lehrer auf abenteuerliche Weise gerettet. Jetzt erzählt jeder der Gang aus seiner Sicht die Geschichte, die sie zu Helden gemacht hat. So zeigen sich nicht nur die unterschiedlichen Charaktere, die vier erzählen auch noch einige andere aberwitzige und wahrlich heldenhafte Geschichten. Vom Bären im Wohnzimmer, dem sie auf wundersame Art entkommen sind, von der Frau, der sie bei der Entbindung assistiert haben (sie saß nach einem Unfall in der Schneeverwehung fest und die Kurzhosengang kam durch die eingeschlagene Heckscheibe ins Autofenster gekrochen), oder von den Geistern, die der verträumte Zement sehen kann und mit deren Hilfe sie einen Zug vor dem großen Unglück in letzter Sekunde stoppen konnten.

Und diese vier Jungs, mit all ihrem Witz und ihrer Chuzpe, gibt es – aber nur in diesem Buch. Denn Andreas Steinhöfel, der vermeintliche Übersetzer, hat nicht nur die Figuren und ihre Abenteuer erfunden, sondern die ganze, angeblich wahre Geschichte. Denn nach und nach wird einem klar, dass es weder die Autoren (bewundernswert, es scheint tatsächlich niemanden mit diesen Namen zu geben), noch den Originalverlag gibt. Und natürlich ist auch nie ein Buch mit dem Titel „The Mysterious Adventures of the Short Ones“, angeblich die kanadische Originalausgabe, erschienen. Alles, aber auch wirklich alles an diesem Werk, ist erstklassiger Fake – und daher nicht weniger als ein Gesamtkunstwerk: prächtig.

Manfred Schiefer für "1000 und 1 Buch"



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Buch des Monats - Archiv

 

Victor Caspak / Yves Lanois: Die Kurzhosengang

Carlsen 2004
ISBN 3-551-55328-9
208 Seiten | € 12,40 | ab 10

Carlsen Verlag

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