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Buch des Monats März 2003
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Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur
Aus der Perspektive der Voyager, jener Raumsonde, die in den 1970er Jahren
von Cap Canaveral aus ins Weltall gestartet und mittlerweile unendlich
weit weg ist, ist die Welt unvorstellbar klein. So klein, dass es unerheblich
ist, wie groß sie in Wirklichkeit ist oder ob es sich bei ihr nicht
nur um einen Krapfen handelt. Oder ob die Welt einzig ein kleines Viertel
einer kleinen Stadt ist: ein paar Straßen samt Wohnblocks, ein Park,
eine Würstelbude samt Bushaltestelle, eine verlassene Fabrik, ein
Schrott- und ein Bolzplatz. Diese Welt ist wie das Rätsel, das auf
den Würstlstand gekritzelt ist: "Die Frage: Wieviele Pflaumen gehen
in den Korb? Die Antwort: Der Bus ist langsam". In dieser Welt lebt Brando,
dem seine Mutter den Namen Marlon gegeben hat und später ist sie
dann gestorben und der Vater ist Filmvorführer. Aber er kann nichts
daran ändern, dass Zorro immer gegen die spanischen Schurken gewinnt,
da kann er den Film noch so oft vorführen, die Schurken werden nicht
klüger. Und Larsa, der mit seinem trinkenden Vater und seiner kaputten
Mutter nichts zu tun hat, er wohnt bloß dort. Und Ola, der Schatzsucher,
der zaubern kann. Die drei Freunde wissen, dass man immer auf alles gefasst
sein muss, vor allem auf die Totter, die Jungs von der nächsten Straße,
die älter sind und stärker und auf Rache aus. Weil Brando das
Tor geschossen hat, mit dem diese Geschichte eines Sommers anfängt
- sieht man von dem kleinen Prolog ab, der explizit über Erinnerung
spricht und über die Aneignung der Welt, also über jene Themen,
denen das gesamte Buch gewidmet ist.
Dem Schweden Mikael Engström ist es mit
"Brando" gelungen, einen kinderliterarisch alltäglichen und oft erzählten
Stoff zu einem herausragenden Roman zu formen. Einen an un- oder außergewöhnlichen
Ereignissen armen Plot verarbeitet er zu einem sowohl an äußerer
wie innerer Spannung reichen Text, er schafft einen Kosmos, in dem die
Atmosphäre durchgehend stimmig ist und in dem alle Figuren zu ihrem
Recht kommen. Er zieht einen als Leser in diese Welt hinein: Man kann
den Duft der Orangen und den Gestank der Katzenpisse riechen, man spürt
die zahlreichen Schläge oder freut sich, dass man eine Schlacht -
durch Glück, Geschick oder Zauberer - gewonnen hat. Man schaut mit
Brando in den nächtlichen Sternenhimmel und sinniert über permagefrorene
Mammuts, Edison und den elektrischen Stuhl, über den Aufenthaltsort
von Gestorbenen, kurz: über den Sinn des Lebens. Und irgendwann wird
einem dann klar, dass der Bus zwar die richtige Antwort ist, bloß
auf die falsche Frage.
Außergewöhnlich.
Franz Lettner für "1000 und 1 Buch"
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