Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur

Aus der Perspektive der Voyager, jener Raumsonde, die in den 1970er Jahren von Cap Canaveral aus ins Weltall gestartet und mittlerweile unendlich weit weg ist, ist die Welt unvorstellbar klein. So klein, dass es unerheblich ist, wie groß sie in Wirklichkeit ist oder ob es sich bei ihr nicht nur um einen Krapfen handelt. Oder ob die Welt einzig ein kleines Viertel einer kleinen Stadt ist: ein paar Straßen samt Wohnblocks, ein Park, eine Würstelbude samt Bushaltestelle, eine verlassene Fabrik, ein Schrott- und ein Bolzplatz. Diese Welt ist wie das Rätsel, das auf den Würstlstand gekritzelt ist: "Die Frage: Wieviele Pflaumen gehen in den Korb? Die Antwort: Der Bus ist langsam". In dieser Welt lebt Brando, dem seine Mutter den Namen Marlon gegeben hat und später ist sie dann gestorben und der Vater ist Filmvorführer. Aber er kann nichts daran ändern, dass Zorro immer gegen die spanischen Schurken gewinnt, da kann er den Film noch so oft vorführen, die Schurken werden nicht klüger. Und Larsa, der mit seinem trinkenden Vater und seiner kaputten Mutter nichts zu tun hat, er wohnt bloß dort. Und Ola, der Schatzsucher, der zaubern kann. Die drei Freunde wissen, dass man immer auf alles gefasst sein muss, vor allem auf die Totter, die Jungs von der nächsten Straße, die älter sind und stärker und auf Rache aus. Weil Brando das Tor geschossen hat, mit dem diese Geschichte eines Sommers anfängt - sieht man von dem kleinen Prolog ab, der explizit über Erinnerung spricht und über die Aneignung der Welt, also über jene Themen, denen das gesamte Buch gewidmet ist.

Dem Schweden Mikael Engström ist es mit "Brando" gelungen, einen kinderliterarisch alltäglichen und oft erzählten Stoff zu einem herausragenden Roman zu formen. Einen an un- oder außergewöhnlichen Ereignissen armen Plot verarbeitet er zu einem sowohl an äußerer wie innerer Spannung reichen Text, er schafft einen Kosmos, in dem die Atmosphäre durchgehend stimmig ist und in dem alle Figuren zu ihrem Recht kommen. Er zieht einen als Leser in diese Welt hinein: Man kann den Duft der Orangen und den Gestank der Katzenpisse riechen, man spürt die zahlreichen Schläge oder freut sich, dass man eine Schlacht - durch Glück, Geschick oder Zauberer - gewonnen hat. Man schaut mit Brando in den nächtlichen Sternenhimmel und sinniert über permagefrorene Mammuts, Edison und den elektrischen Stuhl, über den Aufenthaltsort von Gestorbenen, kurz: über den Sinn des Lebens. Und irgendwann wird einem dann klar, dass der Bus zwar die richtige Antwort ist, bloß auf die falsche Frage.

Außergewöhnlich.

Franz Lettner für "1000 und 1 Buch"

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Mikael Engström:
Brando

Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer

Hanser 2003
ISBN 3-446-20303-6
256 Seiten
Eur-A 15,40 | Eur-D 14,90 | SFr 26,20

Hanser Verlag

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