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Buch des Monats November 2002
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Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur
Von Pippi Langstrumpf über die Rote Zora bis hin zu Nöstlingers Austauschkind
reicht die Tradition des fremden Kindes in der Kinderliteratur. Renate
Welsh verschiebt in ihrer Erzählung die motivischen Rahmenbedingungen:
Die Protagonistin selbst ist es, die sich auf Grund der neuen Lebensumstände
als fremdes Kind begreift. Ein ehemaliger Ort der Vertrautheit und des
sommerlichen Glücks verwandelt sich durch familiäre Verschiebungen in
einen Ort der Selbstentfremdung: Nach dem Tod der Mutter vom Vater getrennt
(der Arzt bleibt im Wien des zu Ende gehenden Zweiten Weltkrieges zurück)
und nunmehr in den Familienverband von dessen zweiter Frau gestellt, erlebt
die Heldin das ehemalige Feriendomizil am Land unter geänderten Voraussetzungen:
Kein Mitleid soll dem Kind entgegengebracht werden - Menschen, die eine
gemeinsame Vergangenheit mit ihm haben, werden bewusst aus dem neuen Familienverband
ausgegrenzt. Renate Welsh transferiert die berührende Lebenssituation
einer Anna Wimschneider auf die Wahrnehmungsebene eines Kindes: Ebenso
karg und geradlinig, wie die bayrische Bäuerin die Lebensverhältnisse
im fremden Familienverband des Ehemannes in "Herbstmilch" beschrieben
hat, wird hier von sozialem Druck und emotionaler Vereinsamung erzählt.
Ihrer Fremdheit gibt die kindliche Protagonistin einen Namen, indem sie
nur noch auf ein unpersönliches "Die-da" reagiert. Ganz der kindlichen
Perspektive verpflichtet, schildert Renate Welsh kleine, alltägliche Szenen
der Ausgrenzung. Erinnerungen an die leibliche Mutter, deren Krankheit
und Tod werden durch diese kindliche Perspektive ebenso fragmentarisch
gehalten wie die historisch-politische Situation. Niemand ist bereit,
Dieda jene Dinge zu erklären, die sie aufschnappt oder beobachtet. Ein
einziges Mal nur ist es Dieda möglich, zur Nachbarin zu entfliehen und
Hilfestellung in ihrer ersten kindlich-sexuellen Verunsicherung zu erbitten.
Dominiert wird das Leben vom "Alten", von dessen Regeln der Ungleichbehandlung,
von dessen strenger, schlagender Hand. Erst als die neue Mutter sichtbar
ein Kind erwartet und mit Dieda nach Wien zurück kehrt, zeigen sich emotionale
Schlupflöcher und punktuelle Möglichkeiten der Annäherung. Sensibel und
genau formuliert Renate Welsh und umkreist in personaler Sicht die scheinbaren
Nebensächlichkeiten, die doch stets so nachhaltige Wirkung haben.
Heidi Lexe
Buch
des Monats - Archiv

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