Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur

Ein Großvater, der gern erzählt, ein kleiner Junge, der gerne zuhört und LeserInnen bzw. BetrachterInnen, die mehr schauen, als der Bub hört, mehr sehen, als die Buchstaben sagen. Am Ende seines Lebens hält ein alter Mann Rückschau. In schlichter Sprache entrollt sich seine Erinnerung; sein Ton ist entspannt: Die feinsinnig komponierten, zart colorierten Illustrationen zeigen ihn in verschiedenen Lebensaltern und -lagen, stets in Begleitung seines Engels ... Die Bilder, die er an seinen Enkel weitergibt, lassen ihn zufrieden einschlafen: "Eigentlich war es schön ... manchmal sonderbar ... Ich hatte viel Glück." Dieses "Glück" manifestiert sich als in blauen Strichen gezeichneter Engel, der - je nach Bedarf seines Schutzbefohlenen - Leichtsinnigkeiten ausgleicht, sich Hindernissen in den Weg stellt, Gefahren abwendet - kurz: durch all die Jahre immer und überall da ist, um seine behütende Hand vor und über seinen Schützling zu halten.

Diese stete, unsichtbare Anwesenheit des Engels dringt nicht ins Bewusstsein des Erzählers vor, bleibt im Text unausgesprochen und existiert einzig in den Bildern. Die feine Text-Bild-Diskrepanz, dieses Mehr auf der visuellen Ebene, bestrickt, rührt es doch an etwas Unbegreifliches, das spürbar, vielleicht vorstellbar wird. Das geflügelte Wort vom Schutzengel, das Gefühl einer umfassenden Geborgenheit materialisiert sich in schwebend blauen Umrissen; die Leichtigkeit und Durchsichtigkeit dieser Figur meint zugleich Unsichtbarkeit, Unfassbarkeit. Einzig die BetrachterInnen sehen und wissen - auch als der Großvater "eingeschlafen" ist, und der Engel sich an die Fersen seines neuen Schützlings heftet.

Elisabeth Wildberger

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Jutta Bauer:
Opas Engel

Carlsen 2001
48Seiten

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