Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur

Da wo er herkommt, vermutet die Ich-Erzählerin, wohnen die Kellerkatzen sogar in den Küchen! Und dass es dort, wo Kellerkatzen wohnen, nicht gemütlich ist, weiß diese Ich-Erzählerin auch. Hat sie sich doch immer gefürchtet, wenn sie Bier aus dem Keller holen musste und ihr keiner die Geschichte von der Kellerkatze geglaubt hat. Bis auf Rainer. Und der kannte sich nicht bloß mit Kellerkatzen aus sondern wusste auch, wie man Monsterspinnen zähmt. Trotzdem - solche, wie seine alkoholsüchtige Mutter mit Männerbesuchen und ihn mochten die Leute im Ort nicht.

Die Erzählung beschreibt jene Zeit, in der man noch wusste, wo Gott wohnt. Und wo geschah, was der Vater wollte. Und man gleich wusste, wenn man es mit einem "Schandfleck" zu tun hatte. Und dass Kinder nichts zu reden haben. Jutta Richter erzählt von den zwei Seiten der Wahrheit, deren eine sagt, wie gut Kinder über Vorurteile hinweg Freundschaften schließen können. Und deren andere weiß, dass Kinder auf die Liebe von Eltern und Gesellschaft - also die Vermittler der Vorurteile - angewiesen sind.

In jenem Sommer am Anfang des kleinen Wirtschaftswunders ist die Ich-Erzählerin noch eine richtige Schatzsucherin. Dinge, mit Phantasie betrachtet, verkörpern Wunder, alte Glasscherben, in deren grünem Glas die Welt verändert und auf den Kopf gestellt aussieht, sind sorgfältig in einer Schatzkiste zusammengetragen. In diesem Sommer zertritt der Vater die Schatzkiste voll Zorn und Absicht: Zeit, mit diesem Kinderkram Schluss zu machen. In diesem Sommer zerstören die Mieselsüchtigen Rainers Chance, sich seinen Platz in einer Gemeinschaft zu erobern. Plötzlich ist er nicht mehr der, der Kellerkatzen vertreibt und Spinnen zähmt, sondern der rissige Hände und Dackelbeine hat und seinen eigenen Popel frisst. Und seinetwegen nennen die anderen sie Dieda.

Jutta Richters präzise Erzählweise macht Gefühle und Stimmungen nachvollziehbar, lässt sie zwischen den Zeilen entstehen. In kleinen Gesten und Szenen macht sie ihre Figuren fest und die Tragweite ihrer Handlungen: "Wozu ist eigentlich ein Freund gut, den niemand leiden kann?" Ausgrenzung, Freundschaft, Verrat. Wer hat Schuld?

Inge Cevela

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Jutta Richter: Der Tag, als ich lernte die Spinnen zu zähmen

Hanser 2000
87Seiten


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