Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur

Eine Zeit, in der ein Wort wie Leitkultur wieder zu einer gewissen Ehre gekommen ist, und jene, die ihr den Begriff Toleranz entgegensetzen, als Gutmenschen belächelt werden, braucht Visionäre. Und es soll nicht stören, wenn sie als Moralisten verkleidet sind. Moral, auch ein Wort, das keinen guten Ruf hat. Wenn der kanadische Autor Brian Doyle seinen Helden Tommy Lamont "der Schatten" Cranston auf Seite 142 von "Der Mann mit der Maske" "für eine schöne Zeit" beten lässt, in der niemand verlacht wird, "weil sich sein Name komisch anhörte oder weil er eine andere Religion hatte oder eine andere Bibel las oder Sommersprossen im Gesicht hatte oder weil er nicht die richtige Frisur hatte oder zu einer anderen Zeit aus der Schule nach Hause kommen musste oder weil er keine Schlittschuhe hatte oder weil er Schlittschuhe "hatte" oder weil er samstags und sonntags nicht mit Murmeln spielen durfte oder "weil" er es durfte,"…, wenn Doyle seinen Helden dafür beten lässt, dann deklariert er sich als Moralist.

Ein maskierter Mann hat in Lowertown, Ottawa, einem Viertel, in dem Frankokanadier, Menschen jüdischer Herkunft und irische Katholiken auf engem Raum zusammenleben, den Vater von Sammy Rosenberg schwer verletzt. Der Ich-Erzähler Tommy versucht nun mit CoCo, seinem besten "Franzmannfreund", und Gerald, seinem besten "Katholenfreund", die Sache aufzuklären, schließlich ist Sammy sein bester "Judenfreund". Einige Kinder widersetzen sich hier ganz energisch der jeweiligen Leitkultur ihrer Eltern, der erwachsenen Gesellschaft. Um diesen Fall von Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit herum entwirft Doyle ein wunderbares Zeitbild, erinnert sich an die rauchenden Öfen, spannenden Radiosendungen und falschen Truthähne seiner Kindheit. Wenn in den Träumen seines Helden von Lowertown und Kinofilmen, von Radiosendungen und Weihnachten die Bösewichte mit deutschem Akzent sprechen, macht er deutlich, dass hier nicht Sentiment am Werk ist, dass seine Erinnerungen zwar kindlich und naiv erscheinen, jedoch auch sehr präzise sind. Mit dem sicheren Einsatz erzählerischer Mittel wie Slapstick und Übertreibung, mit deren Hilfe er furios Bilder von großer Intensität und niederschmetternder Komik entwirft, kombiniert mit feiner Dialogführung, erweist sich der Autor nicht nur als Moralist, sondern auch als großer Erzähler, dessen Bücher (zuletzt schon "Chip jagt P.Peperoni") für kluge Kinder und gute Erwachsene ein großes Lesevergnügen sind.

Dass Doyle zudem 1983 eine Geschichte erzählt hat, die im ersten Nachkriegswinter in Ottawa spielt und im Jahr 2000 in deutschsprachigen Landen so aktuell ist wie das Wort Leitkultur, beweist, dass er Visionär ist. Höchste Empfehlung!

Franz Lettner

Buch des Monats - Archiv



nach oben


 


Brian Doyle:
Der Mann mit der Maske


Deutsch von Sylke Hachmeister

Oetinger 2000
159 Seiten

Buch des Monats - Archiv

INSTITUT FÜR JUGENDLITERATUR   Mayerhofgasse 6    A-1040 Wien         Tel.: +43/1/505 03 59        office@jugendliteratur.net