Buch des Monats der AG Kinder- und Jugendliteratur

Das Leben ist ein Abenteuer: geglückt und voller Unwägbarkeiten. Immer beides. Bei Tom und Johnny ist das nicht anders. Die moderne Patchwork-Familie mit dem üblichen mehr Drunter als Drüber, mit alten und neuen Verletzungen und Lösungen allenfalls in der Schwebe, ist Ausgangspunkt dessen, was Abenteuer wird. Stiefschwester Gráinne fantasiert sich ihre vor Jahren verschwundene Mutter in pubertär angemessener Voreingenommenheit lautstark zur Traumfrau zurecht, zu der sie will; Sandra, Zweitmutter und Mutter der Jungs, will dem Dauerstress entkommen und bucht für ihre Söhne und sich eine Husky-Tour durch Finnland. Die Brüder sind im Glück. Bis Sandra im Schnee verloren geht. Bis die Schlittenführer viel zu früh die Suche nach der Vermissten aufgeben. Da machen sich Tom und Johnny allein auf den Weg, spuren, in der Obhut von Leithund Rock, durch endlosen Schnee und schaffen, was unmöglich scheint: In der stillen weißen Gottverlassenheit finden sie ihre Mutter wieder. Und während die drei ums Überleben kämpfen, schlägt Gráinne tausende Kilometer entfernt ihre eigene Schlacht, ebenfalls bedrohlich: mit ihrer leiblichen Mutter, die so mütterlich nicht ist, mit Wunsch, Wirklichkeit, Weiterleben.

Denn „Wildnis“ thematisiert Bewährung und Heilung in verschiedenen Zusammenhängen. Feinsinnig und differenziert schafft Doyle in winterdunkler, schneegedämpfter, aufs Wesentliche reduzierter Atmosphäre, mit eigenständigen ProtagonistInnen, zu denen auch die Hunde zählen, ein Abbild der äußeren und inneren Konflikte: ein weites, ein archaisches Feld für tiefgehende, grundsätzliche Auseinandersetzungen, auch um Vertrauen, Verlust, Anpassung, Freiheit. Schließlich meint Wildnis nicht nur die Hunde, die eisigen Naturgesetze, sondern genauso die Menschen mit ihren Abgründen und Möglichkeiten. In einem Roman, der in wenigen Worten viel erzählt, von Andreas Steinhöfel mit allem Ernst, aller Zärtlichkeit und Tragikomik, nuancenreich übersetzt: eine ungeheure Geschichte vom Abenteuer Leben.

Christine Knödler für "1000 und 1 Buch"


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Roddy Doyle: Wildnis

Aus dem Englischen von Andreas Steinhöfel

München: cbj 2009
220 Seiten; Eur 13,40

cbj



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